Blog, Industrie 4.0

#414 – Zufriedene «Alte» – ungewisse Zukunft

Arbeit
Der Wert von Arbeit wird hinterfragt. Fachkräftemangel, Genderdiskussionen oder Altersfragen beherrschen die Diskussion. Politisch sind Vorstösse zur Reduktion der Arbeitszeit populär. Es geht dabei um Stunden und Minuten im Zusammenhang mit Lohnforderungen, nicht um den Sinn von Arbeit. Derweil immer mehr Fachkräfte in den Ruhestand gehen – und mit ihnen wertvolles Erfahrungswissen verschwindet. Dabei fehlt es oft an der Zeit, dieses Wissen strukturiert weiterzugeben, womit ein gefährliches Vakuum entsteht. Generative künstliche Intelligenz GenKI übernimmt auch immer mehr Aufgaben, wozu früher Spezialisten notwendig waren. Wir erleben hautnah eine Zeit des grossen Umbruchs mit teils unvorhersehbaren Folgen. Wir «Alten» müssen offen sein für diese Veränderungen, uns weiterbilden, uns informieren, neugierig sein, staunen und an unsere persönliche Erfahrung glauben. Angst vor diesen Entwicklungen, Ignoranz oder das «Aussitzen» digitaler Technologien ist keine Option. Die erwarteten Jobverluste durch den Einsatz von KI in Gewerbe, Dienstleistung oder Industrie sind vorderhand reine Spekulation. Niemand kann aus heutiger Sicht voraussagen, was in fünf oder zehn Jahren sein wird. Ein gewisses Mass an «Zerstörung» ist jedoch der Preis, den wir für die Gestaltung der Zukunft zahlen müssen.

Unsere Gesellschaft braucht wieder mehr Lust auf Arbeit
«Arbeit gilt bei uns als etwas Feindseliges», kritisiert Prof. Joachim Voth (57), Entwicklungsökonom an der Universität Zürich, im Interview mit Albert Steck, NZZ vom 29. März 2025. Heute verteufeln wir die Arbeit und glorifizieren die Freizeit – das haltet Voth für widersinnig. Der Beruf ist weit mehr als ein Mittel zum Geldverdienen, um sich dadurch in der Freizeit den grösstmöglichen Spass erkaufen zu können. Das sehen wir zum Beispiel bei einem Stellenverlust: Dank der Arbeitslosenversicherung geht das Einkommen nur beschränkt zurück. Trotzdem sinkt die Lebenszufriedenheit massiv. Weshalb? Weil die Arbeit stark zur persönlichen Befriedigung beiträgt. Seine Forschung zeigt: Als wichtigste Quelle für ein erfülltes Leben nennen die Leute die Arbeit. Dabei geht es nicht in erster Linie um die finanzielle Absicherung. Vielmehr ist es dieses Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sowie seine Aufgaben gut gemeistert zu haben und dafür Wertschätzung zu bekommen. Auch für uns «Alte» stehen der Stolz auf das Erreichte, auf den Beitrag zum grossen Ganzen sowie die Kameradschaft bei der Arbeit im Zentrum.

Ausstellung in der Pinacoteca Agnelli Turin 2025. Salvatore Mangione (1947-2015) italienischer Künstler: MI-TO 1993. Foto: Cristina Leoncini

Maschinen sollten den Menschen dienen
Künstliche Intelligenz KI verändert nicht nur die Art der Arbeit, sondern auch, wer sie ausführt. Sie nutzt Werkzeuge welche die Einstellungen, Entlassungen und Beförderungen beeinflussen. Dies weckt die Befürchtung, dass selbstlernende Maschinen Karrierewege diktieren werden. In seinem Beitrag in Swissinfo.ch, vom 28. März 2025, beschreibt Matthew Allen, Swissinfo Büroleiter und Wirtschaftsreporter, wie Unternehmen, Personalvermittler und Arbeitssuchende bereits mit der Technologie experimentieren, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Algorithmen können Stellenbeschreibungen verfassen und Bewerbungen filtern, um die besten Kandidat:innen zu finden, oder beim Aufbau von Schulungsprogrammen helfen, indem sie Qualifikationslücken bei bestehenden Mitarbeitenden identifizieren. KI kann Arbeitssuchenden auch beim Verfassen von Lebensläufen und Anschreiben helfen, und einige Apps fordern Kandidaten auf, bei Online-Interviews und -Tests die richtigen Antworten zu geben. Während im Beitrag überwiegend Massnahmen zur Regulierung dieser Technologie besprochen werden, erwähnt Matthew Allen auch, wie Arbeitgebende die Nachteile beim Einsatz von KI zu erkennen beginnen. Schlecht programmierte KI-Systeme, die Diskriminierung reproduzieren, wie beispielsweise Vorurteile gegenüber Frauen oder uns «Alten». Zwar kann die KI-Recruiting-Software Muster in grossen Datenmengen schnell erkennen, die für das menschliche Auge schwer zu erfassen sind. Im Mittelpunkt jeder Arbeitsbeziehung stehen jedoch Menschen, die sich vernetzen und bei Entscheidungen auf ihr eigenes Bauchgefühl vertrauen müssen.

«Alte» haben Teil an der transformativen Umgestaltung
Firmen legen darum wieder mehr Wert auf kreatives Denken, komplexe Problemlösungen, Lernfähigkeit und emotionale Intelligenz. Die wohl wertvollsten Eigenschaften von Bewerbenden und die welche uns menschlich macht. Dabei ist das biologische Alter eines Menschen nicht wirklich ausschlaggebend. Man kann als biologisch älterer Mensch bekanntlich geistig noch sehr jung sein. Es gibt Dreissigjährige, die bereits aufgehört haben, neugierig zu sein. Das ist tragischer, als alt zu sein. Disruptive Innovation macht zwar bestehende Geschäftsmodelle, Produkte oder ganze Branchen obsolet, schafft aber gleichzeitig neue Möglichkeiten, Märkte und Wertschöpfungsketten. Der tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) fand dafür den Begriff «kreative Zerstörung», welcher einen wesentlichen Aspekt disruptiver Innovation beschreibt. Es ist ein natürlicher Teil wirtschaftlicher Evolution und technologischen Fortschritts. Man könnte das Konzept auch als «schöpferische Erneuerung» oder «transformative Umgestaltung» bezeichnen und damit stärker den konstruktiven Aspekt des Prozesses betonen – dass aus der Zerstörung des Alten etwas Neues und oft Besseres entsteht. Wir «Alten» sind uns der Geschichte bewusst, haben in unserem Leben viel Erfahrung gesammelt, die uns befähigt, zusammen im Team mit den «jungen Wilden», als Mentoren oder Sparringspartner diesen Prozess kreativ zu begleiten.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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