«Alte» gegen das Unverständnis technischer Lücken
Fast täglich erhalten wir Angebote mit Lernvideos, Handbüchern und Kursmaterial zur Implementierung künstlicher Intelligenz KI in unsere Arbeit. Seit einem halben Jahrhundert agiert die KI im Hintergrund vieler Anwendungen, ohne dass wir uns spezielle Gedanken darüber machen. Sei es die Korrekturfunktion eines Schreibprogramms oder der Kalendereintrag aus einer E-Mail. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022, dem vom US-Unternehmen OpenAI entwickelten generativen KI-Chatbot, hat sich die Diskussion über KI jedoch grundlegend verändert. Der Bot basiert auf grossen Sprachmodellen (Large Language Models, LLMs) aus der GPT-Familie (dem Generative Pre-trained Transformer) und ermöglicht es Nutzern, über eine text- oder sprachbasierte Oberfläche menschenähnliche Unterhaltungen zu führen. Neben dem reinen Schreiben und Beantworten von Fragen kann die Technologie auch Bilder analysieren oder generieren, im Internet suchen und Sprachausgabe nutzen. KI-Assistenten lassen sich auf verschiedenste Weise einsetzen, für Textarbeit, Problemlösung, Kreativität und Recherche im Alltag oder Beruf. Führungskräfte verschaffen sich einen Wettbewerbsvorteil indem sie KI selbst nutzen, oder andere dazu befähigen den Wandel mitzugestalten und strategische Vorausschau mit geschäftlichen Prioritäten in Einklang bringen. «Das Training und die Arbeitsweise von KI-Modellen sind in keiner Weise darauf ausgelegt, für Menschen nachvollziehbar zu sein», sagt Dario Amodei, CEO von Anthropic, «ein solches Unverständnis ist in der Geschichte der Technik beispiellos.» Wir wissen, womit wir die KI füttern, und wir wissen, was sie ausspuckt, aber dazwischen klafft eine Lücke, die sich nie ganz schliessen lassen wird. Genau an dieser Schnittstelle werden wir «Alten» auf absehbare Zeit und aufgrund unserer Kompetenz nicht leicht zu ersetzen sein. Als Mentoren, Coaches oder Sparringspartner im Team mit den «jungen Wilden» teilen wir unsere Erfahrung aus einem langen (auch analogen) Berufsleben mit Leidenschaft, Neugierde und Empathie.

Aufmerksamkeit, Verantwortlichkeit, Ausbildung
Überall gestalten Beschäftigte ihre Arbeit im Stillen um, mithilfe von künstlicher Intelligenz KI. Das steigert zwar deren Produktivität, schafft aber auch neue Probleme. Die KI-Beraterin und Boston Consulting Group BCG-Partnerin Julie Bedard (45), stellt neue Erkenntnisse zu drei Bereichen vor, auf die sich Führungskräfte konzentrieren sollten. Etwa darauf, wie sich eine «KI-bedingte geistige Überlastung» vermeiden lässt und warum wir diesen Wandel aktiv gestalten müssen, anstatt ihn einfach über uns ergehen zu lassen. In ihrem Beitrag «AI brain fry», KI-bedingte Gehirnüberlastung, vom August 2026 auf TED@BCG spricht sie darüber, wie wir Arbeit und Arbeitsabläufe in Teams, mit den angestrebten Ergebnissen vor Augen, neu gestalten müssen. Führungsteams sollten nicht unkoordiniert viele Veränderungen auf einmal anstossen, oder es Einzelnen überlassen, die eigene Arbeit auf eigene Faust neu zu gestalten. Das mag zwar die Produktivität Einzelner steigern, lässt sich jedoch nicht skalieren. Vielmehr geht es darum, diesen Umgestaltungsprozess zu führen. Agentensysteme benötigen menschliche Aufseher:innen. Personen mit klaren Entscheidungsrechten. Auch kompetente, neugierige und erfahrene «Alte» im Team müssen sich intensiv mit den Systemen auseinandersetzen. Wenn wir beispielsweise Nachwuchskräfte mit erfahrenen Expert:innen zusammenbringen, nutzen wir die natürliche KI-Kompetenz jüngerer Talente und setzen sie später als zukunftsorientierte «KI-Beauftragte» im Unternehmen ein. Das braucht Zeit und den Willen, die Kompetenzen von Managern und Führungskräften neu zu definieren, durch Coaching, Weiterbildung im Bereich KI und die Neugestaltung der Teamarbeit. Die zentrale Aufgabe einer Führungskraft besteht derzeit darin, diese Arbeit im Hinblick auf gute Ergebnisse zu optimieren, unter Nutzung des Besten aus menschlicher und maschineller Intelligenz.
Strategische Klarheit schaffen
In ihrem BCG Beitrag vom September 2026 beleuchten Jessica Apotheker, Vinciane Beauchene, Nicolas de Bellefonds und 16 weitere Autor:innen die Erfolgsformeln, um mit KI einen Mehrwert zu schaffen. Dieser Mehrwert beruht heute auf strategischer Klarheit und angewandter KI. Strategische Klarheit bedeutet, Initiativen im gesamten Unternehmen miteinander zu verknüpfen, künftige Verschiebungen von Wettbewerbsvorteilen frühzeitig zu erkennen, sich auf wenige, besonders wertvolle, durchgängige (End-to-End-)Ansätze zu konzentrieren und die Ergebnisse konsequent zu verfolgen. Zukunftsorientierte Unternehmen bündeln ihre KI-Aktivitäten in einem einzigen, kohärenten Programm, das auf die grössten Chancen und geschäftlichen Prioritäten des Unternehmens ausgerichtet ist. Die Verantwortung für dieses Programm liegt bei der obersten Führungsebene, beispielsweise den «Patrons» von KMUs.
Agentenbasierte Steuerungsmechanismen
Die angewandte KI durch den Einsatz von autonom agierenden Systemen, «agentic KI», ist der entscheidende Faktor für den KI-Mehrwert von morgen. Zukunftsorientierte Unternehmen etablieren zentrale Risiko- und Kontrollmechanismen, um die wachsende Zahl von KI-Agenten, die zunehmend autonom agieren, über einen Hub zu steuern. Sie verstehen, dass wirksame Risikokontrollen kein Hindernis, sondern ein Wegbereiter sind. Dabei geht es auch um die Neugestaltung der Belegschaft im Zusammenspiel von Mensch und KI-Agenten. Die KI-Transformation ist im Kern ein organisatorischer Wandel. Er erfordert eine gezielte strategische Personalplanung, um zu bestimmen, welche Rollen in einer von KI-Agenten geprägten Welt sinnvoll sind. Zumal KI die Arbeitswelt eher grundlegend umgestaltet und nicht einfach Jobs eliminiert. Notwendig ist die Entwicklung einer datengestützten, agentenbasierten Plattform. Diese umfasst sowohl eine unternehmensweite Intelligenzschicht als auch eine Plattformebene mit klaren Datenstrukturen, die es Agenten ermöglicht, Kontexte zu verstehen, kontrollierte Massnahmen zu ergreifen und zuverlässig in grossem Massstab zu agieren. Viele Unternehmen durchlaufen derzeit eine Datentransformation, mit einer unternehmensweiten KI-Plattform und einer gemeinsamen Architektur und Steuerungsebene.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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