Blog, Industrie 4.0

#450 – «Alte»: Generator oder Diskriminator

Eine Wette auf Technologie
Künstliche Intelligenz KI ist allgegenwärtig, sie öffnet unsere Smartphones, sie erkennt unsere «Freunde» in den sozialen Medien, sie ordnet und kategorisiert unsere Fotos und schickt uns Nachrichten entsprechend unseren Interessen. KI sortiert unsere Emails oder schlägt beim Schreiben die Satzendungen vor. Sie setzt die Interpunktion in Schreibprogrammen, korrigiert die Grammatik, oder übersetzt Texte gleich in andere Sprachen. Und trotzdem gibt es immer noch viele Zweifler unter uns, die den negativen Berichten über «maschinelle Intelligenz» mehr Glauben schenken. Stiege die Arbeitsproduktivität durch neue Technologien stark an, könnten Beschäftigte mehr Aufgaben in gleicher Zeit erledigen, finden Christian R. Ulbrich und Christian Rutzer im Gastkommentar der NZZ vom 1. Dezember 2025. Unter dem Titel «Der KI-Boom könnte die Weltwirtschaft retten – oder diese in den Abgrund stossen» beleuchten sie mögliche Szenarien. Das sinkende Arbeitskräfteangebot infolge des demografischen Wandels könnte durch den Einsatz von KI aufgefangen werden. Amerikanische Technologieunternehmen wollen deshalb im kommenden Jahr mehr als 320 Milliarden Dollar investieren und setzen bei ihrer gigantische Wette auf den «Sieg eines einzigen Pferdes». Optimisten zeigen sich überzeugt, dass die Wette aufgehen wird, während die Pessimisten glauben, darin eine riesige KI-Blase zu erkennen.

KI als «normale Technologie»
Ulbrich und Ritzer beschreiben eine alternative Sichtweise, die den Faktor Zeit betont. Um sie zu verstehen, hilft ein Blick auf die Datenlage. Selbst in einem technologieaffinen Land wie den USA stieg die Arbeitsproduktivität seit 1949 grösstenteils gleichmässig an. Offensichtlich gab es keine plötzlichen Produktivitätssprünge infolge technologischer Innovationen. Weder das Telefon noch die Verbreitung der Informationstechnologie haben zu abrupten Sprüngen geführt; selbst das Internet hat keinen sichtbaren Ausschlag hinterlassen. Die Arbeitslosenquote in den USA zeigt ein ähnliches Bild. Sie stieg nur nach Rezessionen spürbar an, sonst sank sie meist stetig. Arbeitslosigkeit infolge technologischen Fortschritts sucht man in den Datenreihen vergebens. Aus ihrer Sicht ist es deshalb wahrscheinlicher, dass KI eine «normale Technologie» darstellt und nur einen allmählichen Produktivitätsschub auslösen wird. Erste Indizien stützen diesen Befund. Eine Studie des Yale Budget Lab etwa untersuchte jüngst die Entwicklung der letzten 33 Monate eingehender. Selbst in Berufen, die generativer KI in hohem Mass «ausgesetzt» sind, zeigt sich der Arbeitsmarkt bislang robust.

Weiss ist das neue Schwarz: für den Export bestimmte Autos im Hafen von Nanjing, 14. November 2025, Bild: Imago

Kompetente «Alte Diskriminatoren»
Technologische Innovationen entfalten ihre Wirkung erst mit zeitlicher Verzögerung, denn zunächst sind erhebliche komplementäre Investitionen nötig. Von Tech-Optimisten wird oft übersehen, dass die erfolgreiche Einführung von Technologien auch kulturelle Anpassungen und ein innovationsfreundliches regulatorisches Umfeld erfordern – was ebenfalls Zeit braucht. Eine weitere Komplikation entsteht im Wettbewerb. Wenn eine Seite (digital) aufrüstet, zieht die andere nach. In der Folge steigt die Komplexität des Gesamtsystems sprunghaft an und «zehrt» einen grossen Teil der gewonnenen Effizienz wieder auf. Neue Bedürfnisse kommen auf und immer höhere Ansprüche wollen befriedigt werden. KI-Agenten werden diese Entwicklung weiter anfeuern. Dank den neuen KI-Tools werden Präsentationen oder Berichte zwar noch ansprechender und umfangreicher, der vermittelte Informationsgehalt steigt jedoch nicht spürbar. Das vereinfachte Generieren von Texten, Bildern, Videos und anderen Datenpunkten führt zu einer neuen Informationsflut, durch die zu navigieren immer schwieriger wird. In seinem aktuellen Buch zur Architektur im Zeitalter der künstlichen Intelligenz beschreibt der Britische Architekt und Theoretiker Neil Leach die Wirkungsweise von Generatoren und Diskriminatoren. Für das Trainieren einer KI werden Generatoren eingesetzt. Die Resultate müssen von «Diskriminatoren» auf ihre Echtheit oder Wahrscheinlichkeit geprüft werden. Erfahrene, kompetente und neugierige «Alte» im Team eignen sich hervorragend für solche Aufgaben.

Produktivitätsgewinne und neue Berufsfelder
Neue Tätigkeitsfelder entstehen, denn die automatisierenden KI- und Software-Tools müssen konzipiert, programmiert, angepasst, implementiert und kontinuierlich aktualisiert und weiterentwickelt werden. Neue Berufsfelder entstehen rund um das «prompt Engineering», auch wenn dieses keine so exakte Wissenschaft ist, wie der Begriff Ingenieur vermuten lässt. Die Autoren Ulbrich und Ritzer folgern: KI-Technologie in ihrer heutigen Form ist weder das ersehnte Allheilmittel noch ein fehlgeleiteter Wunschtraum von Technologie-Enthusiasten. Für die meisten Sektoren wird KI eine graduelle Evolution bedeuten – mit kleineren, aber stetigen Effizienzgewinnen und inkrementellem Wachstum der Produktivität. KI wird in den nächsten Jahren zweifellos viele Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringen, ganz ähnlich wie einst der Computer und das Internet. Aber es wird noch dauern, bis sich die derzeit riesigen Investitionssummen durch breite Produktivitätsgewinne amortisieren.

Technologie bedeutet Macht
«China und die USA kämpfen um ihren Einfluss in der neuen Weltordnung. Entscheidend ist Technologie». In seiner Analyse in der NZZ vom 10. Dezember 2025, beschreibt Lukas Mäder (47) am Beispiel KI, wie die Technologie in einer multipolaren Welt immer wichtiger wird. Das gilt heute noch viel stärker als vor 110 Jahren, als Grossbritannien grosse Teile des weltweiten Telegrafennetzes kontrollierte. Was zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Telegrafenkabel waren, sind heute die Glasfaserkabel am Meeresgrund. Sie bilden zusammen mit den Rechenzentren der Cloud-Provider das weltweite Kommunikationsnetz, über das die Internetdaten fliessen und das die Anwendungen der künstlichen Intelligenz antreibt. Wer diese Infrastruktur kontrolliert, ist im Vorteil. Wie bei den Telegrafenkabeln. Technologien bedeuten politische Macht. In der digitalen Welt sind nicht nur Kabel entscheidend, sondern auch Software, Online-Dienste und KI-Modelle. Welche politischen Risiken die technologische Abhängigkeit mit sich bringt, zeigt sich momentan in Europa. Der Kontinent hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten technologisch stark von den USA abhängig gemacht. Am augenfälligsten ist dies im IT-Bereich, wo Europa etwa bei Cloud-Anwendungen stark auf amerikanische Tech-Firmen setzt.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger