Blog, Industrie 4.0

#425 – «Frisst» die Digitalisierung uns «Alte»?

Mit dem Wissen über die Herkunft, unsere Zukunft gestalten
Im Gespräch verzichten viele von uns «Alten» auf ein weiteres aktives, berufliches Engagement in einer Welt, die zusehends aus den Fugen zu geraten droht und in der unsere Ideale, die wir jahrelang verfolgt und gelebt haben, mehr denn je in den Hintergrund getrieben oder gar mit Füssen getreten werden. Wir bekunden Mühe im Umgang mit der aktuellen politischen Lage und empfinden einen Kontrollverlust in einer zusehends automatisierten Gesellschaft. Seit Corona hat sich vieles auf dieser Welt zum Teil grundlegend verändert. Unsere positive Einstellung gegenüber technologischen Entwicklungen, wie der künstlichen Intelligenz KI oder der Digitalisierung von Unternehmesprozessen, ist deshalb essenziell. Weiterbildung, Offenheit und Neugier sind Voraussetzung um den Anschluss nicht zu verlieren. Wir «Alten» helfen mit Weisheit, Gelassenheit, Erfahrung und Reife in gemischten Teams als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner, ohne Angst zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln.

Bass 2024: Steve McQueen (56), britischer Videokünstlers und Filmemacher im Schaulager Basel, anlässlich der Art Basel 2025

«Schweiz-5.0»: Altenrepublik statt Alpenrepublik
Im Austausch mit dem Herausgeber der Plattform SICHTWEISENSCHWEIZ.CH beschlossen wir, zusammen mit der künstlichen Intelligenz «Claude» von Anthropic, einige Aspekte zur aktuellen 60plus-Generation in der Schweiz zu hinterfragen. Entsteht hier vielleicht eine «Schweiz-5.0»: Altenrepublik statt Alpenrepublik. Inwiefern nutzt diese Generation überhaupt ihr Potenzial aus, oder liegen Ressourcen brach. In der Presse wird ohne zu hinterfragen kolportiert, dass Menschen bereits im Alter von 50 Jahren Mühe hätten, bei Jobverlust eine neue Anstellung zu finden. Die Recherche zeigt tatsächlich ein differenzierteres Bild als diese Darstellung. Die Gruppe der Ü50er macht 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung in der Schweiz aus, und die Schweiz hat mit 2,0-2,5% eine der tiefsten Arbeitslosenquoten der letzten 20 Jahre. Dabei ist auffällig, dass spezifische Arbeitslosenstatistiken für die 50plus-Generation schwer auffindbar sind. Diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität gilt es zu beleuchten. Eine Generation mit enormer Erfahrung und Kaufkraft wird hier systematisch unterschätzt, wobei die Digitalisierung nur ein Aspekt unter vielen ist. Interessant ist ein Blick auf Innovationskraft, Unternehmertum im späteren Lebensabschnitt oder die Rolle als Wissensträger. Für uns «Alte» ist die Unterscheidung zwischen Wissen und Erfahrung zentral. Wissen ist explizit, dokumentierbar und übertragbar, altert aber schnell – was vor zehn Jahren in der IT galt, ist heute oft obsolet. Dagegen ist Erfahrung implizit und kontextgebunden. Sie entsteht durch das Durchleben von Situationen, das Scheitern und Wiederaufstehen, das Spüren von Mustern und Zusammenhängen. Sie beinhaltet emotionale Intelligenz, Intuition und die Fähigkeit, in unbekannten Situationen zu navigieren.

Bass 2024: Steve McQueen (56), britischer Videokünstlers und Filmemacher im Schaulager Basel, anlässlich der Art Basel 2025

Die Erfahrung der «Alten» wird unterschätzt
Das Wissen der 60plus-Generation mag teilweise veraltet sein – ihre Erfahrung ist es nicht. Wer mehrere Wirtschaftskrisen durchlebt hat, bringt eine andere Gelassenheit und Urteilsfähigkeit mit als jemand, der nur Wachstum kannte. Wer verschiedene Technologiewandel miterlebt hat, versteht die Mechanismen des Wandels selbst – auch wenn er die neueste App nicht bedienen kann. Unternehmen fokussieren oft auf aktuelles Wissen und übersehen die Erfahrung. Dabei ist es gerade die Kombination aus «jugendlichem Wissen» und gereifter Erfahrung der «Alten», die zu den besten Lösungen führt. Die 60plus-Generation bringt Kontextualisierung, Risikoeinschätzung und langfristiges Denken mit – Fähigkeiten, die in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll sind. Anstatt Wissen und Erfahrung gegeneinander auszuspielen, müssen wir es synergetisch nutzen. Die Generation-60plus ist fitter, gebildeter und aktiver als frühere Generationen in diesem Alter. Um das Potenzial einer ganzen Gesellschaftsschicht zu würdigen, müssen wir über reine Arbeitsmarktbetrachtungen hinausgehen.

Wo steht die Gesellschaft
Zu den gesellschaftlichen Fragen gehört, wie sich die Schweiz verändert, wenn die Babyboomer bis 2036 vollständig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Wenn ihre erfahrensten Mitglieder systematisch marginalisiert werden und damit Innovationskraft verloren geht, weil diese Generation nicht als Ressource erkannt wird. Bereits 2016 schieden erstmals mehr inländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt aus als nachrückten – ein Trend, der sich verstärkt. Welche Mechanismen gibt es, um jahrzehntelange Erfahrung zu bewahren? Die wirtschaftliche Dimension umfasst den zukünftigen Konsum der Produkte und Dienstleistungen. Wir «Alten» verfügen über erhebliche Kaufkraft und andere Bedürfnisse als jüngere Generationen. Unternehmen, die auf «junge Zielgruppen» setzen, laufen Gefahr an einem grossen Teil des Marktes vorbei zu produzieren.

Bass 2024: Steve McQueen (56), britischer Videokünstlers und Filmemacher im Schaulager Basel, anlässlich der Art Basel 2025

Neue Lebensmodelle
Zum traditionelle Drei-Phasen-Modell (Ausbildung-Beruf-Rente), entwickelt die Generation-60plus neue Formen des gesellschaftlichen Beitrags. Viele von uns «Alten» sind gesünder und aktiver als frühere Generationen. Dazu braucht es eine intergenerationelle Gerechtigkeit, wo die verschiedenen Generationen voneinander lernen, statt sich gegenseitig zu blockieren. Eine Rolle spielt dabei auch eine differenzierte mediale Darstellung von «Generationenkonflikten», die alle Generationen als gleichwertige Akteure sieht – nicht nur als Kostenfaktoren oder Nostalgiker. Dafür muss auch der Stellenwert von Arbeit neu gedacht werden. Die 60plus-Generation lebt bereits in einer anderen Arbeitsrealität, aber die Gesellschaft denkt noch in alten Kategorien. Dazu gehört das tradierte Arbeitsverständnis der lebenslange Anstellung, klare Trennung zwischen Arbeits- und Rentenphase, Identität durch Beruf, Wert durch Produktivität gemessen. Dieses Modell stammt aus der Industriegesellschaft 3.0 und passt nicht mehr zur heutigen Lebenswirklichkeit. Wir «Alten» leben bereits Projektarbeit statt Dauerstellen, Sinnorientierung statt nur Einkommensfokus, flexible Übergänge zwischen verschiedenen Aktivitäten, ehrenamtliches Engagement als gleichwertige Tätigkeit, Wissens- und Erfahrungsteilung ohne klassische Hierarchien. Währenddessen in gesellschaftlicher «Blindheit» immer noch in «Erwerbsquoten» und «Arbeitslosenstatistiken» gemessen wird. «Alte» die ein Start-up beraten, drei Tage pro Woche Enkelbetreuung leisten und ehrenamtlich im Gemeinderat sitzen, gelten statistisch als «nicht erwerbstätig». Die 60plus-Generation zeigt bereits, wie es geht – unsere Gesellschaft muss jetzt lernen, dies gleich zu sehen und zu würdigen. Eine Gesellschaft 5.0, die Wertschöpfung neu definiert.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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#393 – «Alte» treffen auf die Generation Z

Wohlstand
Trotz geopolitischer und wirtschaftlicher Veränderungen bestehen in der Schweiz nach wie vor paradiesische Zustände auf dem Arbeitsmarkt. Unser Reichtum und die freie Wahl lässt uns beinahe vergessen, wie sich eine grosse Anzahl von Menschen, täglich Sorgen über die Zukunft machen müssen. Wir «Alten» sind zu grossen Teilen für diese Situation verantwortlich, haben wir nach dem zweiten Weltkrieg doch massgeblich zum «bürgerlichen» Geschäftsmodell beigetragen. Durch unseren Einsatz, Innovationskraft, Zukunftsglaube und günstige Rahmenbedingungen sind wir Teil eines Systems geworden, um das uns viele beneiden. Als Folge der gegenwärtigen Digitalisierung, dem Einfluss künstlicher Intelligenz und dem gestiegenen Umweltbewusstsein, zeichnet sich auch bei uns ein Trend zur Deindustrialisierung ab. Bildung und Berufslehre erhalten einen neuen Stellenwert. Trotzdem waren die Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen noch nie so gross wie heute. Im Bericht auf KMU_today vom 24. Oktober 2024, wechselte gemäss Auswertung des Bundesamts für Statistik zum Geschäftsjahr 2023 jede siebte Person ihre Arbeitsstelle. Bei den Erwerbstätigen zwischen 15 und 24 Jahren war es nahezu jede vierte Person. Über 38% von ihnen erhielten in der neuen Funktion mindestens 10 Prozent mehr Lohn und 34,5 Prozent orientierten sich beruflich neu.

Wie es dazu kam
Andreas Rödder (57), Professor für neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, schrieb in der NZZ Pro vom 29. Oktober 2024 unter dem Titel «Die drei zentralen Herausforderungen der Gegenwart bedrohen die bürgerliche Gesellschaft. Was sie jetzt tun müsste» in seinem Beitrag, wie die liberale Ordnung des Westens von innen wie von aussen bedrängt wird. Die bürgerliche Gesellschaft war ein historischer Game-Changer. Im Kern: Nicht mehr Geburt und Stand, keine vorgegebene Hierarchie sollte über die Position der Einzelnen in der Gesellschaft entscheiden, sondern individuelle Qualifikation, Bildung, Leistung und der freie Wille. Dass die Einzelnen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten, statt es in Empfang zu nehmen, setzte eine nie gekannte Dynamik und soziale Mobilität in Gang. Die Konsequenz waren gesellschaftliche Auseinandersetzungen und schliesslich die Emanzipation von Sklaven, Arbeitern, Frauen, Homosexuellen. Die bürgerliche Gesellschaft und die liberale Demokratie waren fähig zur Selbstkorrektur – wie es autoritäre oder totalitäre, autokratische Systeme nicht sind. Dynamik und Mobilität also ist die erste, Selbstkritik und Selbstkorrektur die zweite Charaktereigenschaft des bürgerlichen Gesellschaftsmodells.

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Small talk, leichte beiläufige Konversation
«Was machst du beruflich? – Unterlassen Sie diese Frage besser. Sie könnte Ihr Gegenüber verletzen». Unter diesem Titel schrieb Birgit Schmid (50), Journalistin und Autorin, in der NZZ vom 7. Januar 2024 über die Generation Z, geboren seit dem Jahr 2000, welche in der Arbeit weniger Sinnerfüllung sieht. Neben der Frage nach der Herkunft und dem Alter ist deshalb auch jene nach dem Beruf tabu. Die Frage könnte das Gegenüber verletzen, indem sie es auf seinen Beruf reduziert. Ein Mensch, wird man belehrt, sei viel mehr als sein Beruf. Wer da in einem Vollzeitjob Sinnerfüllung findet, blamiert sich. Smalltalk wird damit zum Hindernislauf. Tatsächlich raten Business-Coachs, statt nach dem Job nach den Hobbys einer fremden Person zu fragen, um diese «wirklich» kennenzulernen. So stelle man eine gute Work-Life-Balance an erste Stelle bei sich und bei den anderen. Man beweist also Sensibilität, wenn man sein Gegenüber nach dem letzten Reiseziel oder dem Lieblingsessen fragt. Man bietet damit eine «sichere Umgebung». Denn das Gegenüber könnte im Job unglücklich sein, oder sich darüber schämen. Oder ist arbeitslos. Dabei wird verkannt, dass man sich immer ein Bild seines Gegenübers macht allein durch den äusseren Eindruck. Was jemand beruflich macht, bestimmt mit, wer er oder sie ist. Arbeit und Leben sind miteinander verschränkt.

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