Die neue Arbeitsmoral
Zum Jahreswechsel, wenn man sich im Familienkreis trifft und auf das vergangene Jahr zurückblickt, ziehen nicht wenige von uns «Alten» Bilanz und machen sich Gedanken zur Zukunft des eigenen Betriebs. Für manchen Patron, manche Firmeninhaberin, stellt sich altershalber die Frage nach einer Nachfolge. Man hört sich um in der Familie, sucht das Gespräch im Bekanntenkreis und stellt mit Ernüchterung fest, dass seine eigenen Werte bei weitem nicht von allen geteilt werden. Gerade die Generation Z, geboren nach 2000, die in einer Welt des Überflusses gross geworden ist, sieht im Unternehmertum vor allem Verzicht. Wieso fünf Tage und am Wochenende arbeiten? Für viele lohnt es sich, das Arbeitspensum zu reduzieren und sich so den Zugang zu subventionierten Gütern zu sichern. Im Kommentar von Christina Neuhaus, NZZ vom 4.Januar 2025, mit dem Titel «Kunstgeschichte studieren, weniger arbeiten, früher in Rente: Die Schweizer sind zu Konsumenten des Staats geworden», kommt Christoph Mäder, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse in einem Interview mit der NZZ zu Wort: «Immer mehr Leute wollen weniger Wachstum, aber trotzdem einen grösseren Kuchen, von dem sie sich dann das grösste Stück abschneiden können. Sie wollen günstige Dienstleistungen, günstigen Wohnraum, leere Züge, freie Autobahnen, touristenfreie Innenstädte. Sie wollen früher in die Pension, nachdem sie Teilzeit gearbeitet und eine vom Staat finanzierte exzellente Ausbildung genossen haben. Sie wollen die besten Gesundheitsdienstleistungen, die aber bitte nicht viel kosten dürfen und vor allem in der Nähe liegen müssen.» Mit dieser Haltung untergraben wir unser System, findet er. Das Tempo des Weltlaufs überfordert sie, folgert Neuhaus. Kein Tag vergeht ohne neue Schreckensnachricht; kaum einer, an dem die Medien nicht über die jüngste Eroberung der künstlichen Intelligenz berichteten. Was wollen die Einzelnen schon ausrichten?

Welche Nachfolge
Wenn ich mir Nachfolgelösungen für KMUs anschaue, denke ich unweigerlich auch an die aktuelle «Unternehmenskultur», die mir aus dem Kontakt mit Start-ups bekannt ist. Tradition und Berufsstolz von uns «Alten», kurz unsere Wertvorstellungen, haben darin wenig Platz. Überall wird geduzt, man kommt mit den Flip-Flops und im Hoodie in die Sitzung, junge Leute feiern die Work-Life-Balance: In vielen Unternehmen regiert eine neue Lässigkeit. Moderne Betriebe diktieren keine Umgangsregeln mehr, sie diktieren Lockerheit. In modernen Büros gibt es keine Regeln und schon gar keinen Dresscode. Sogar bei der schweizer Armee verzichtet man zukünftig auf das «Ausgangstenue», um Geld zu sparen. Doch aufgepasst, schreibt Nelly Keusch im NZZ Folio-Beitrag vom 3. Januar 2025. Was man trägt, entscheidet über den ersten Eindruck – und der soll weder langweilig noch unangenehm sein. Casual zu sein ist noch kein Verhaltenskodex. Im Gegenteil: Die neue Lässigkeit führt zu neuen Herausforderungen. Keusch beschreibt wie die Pandemie ihre Spuren hinterlassen hat. Für Videocalls mussten wir zu Hause nicht einmal eine Hose anziehen. Nun leiden wir darunter, wenn sich die Kolleg:innen im Büro wie zuhause benehmen und keine «Etikette» mehr besteht. Viele von uns «Alten» haben Mühe mit diesen Trends, auch weil wir darin einen Schlendrian erkennen, den wir nicht mehr kontrollieren. Wie kann man darauf das Vertrauen in die Nachfolge aufbauen, wenn die Einstellung zur Arbeit dermassen von seinen eigenen Werten divergiert. Die Stimmung am Arbeitsplatz beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden und die Gesundheit der Angestellten, sondern wirkt sich auf den Erfolg des Unternehmens aus. Dennoch täuschen Lässigkeit und gewisse Verhaltensweisen oft über die Tatsache hinweg, mit welchem Ehrgeiz junge Leute an Problemlösungen herangehen. Sie hinterfragen Prozesse oder Marktauftritte, die beispielsweise mittels Einsatz künstlicher Intelligenz den Betrieb für die Zukunft befähigen. Im Resultat führt die Nachfolgeregelung zu einer notwendigen Neuausrichtung, die dank Aussensicht auch neues Potenzial erschliesst. Voraussetzung ist jedoch, dass die Firmeninhaber:innen von gewisse Vorstellungen «wie man es immer gemacht hat» loslassen, um positive Veränderungen zuzulassen.
Vom Risiko des Lebens
Adriana Galván präsentierte seine Sichtweise im TED Salon (7:19) vom November 2024 unter dem Titel «3 reasons to take risks like a teenager». Man solle sich eine Gruppe von Menschen vorstellen, die leicht lachen, schneller lernen können als wir alle und welche die Ungewissheit des Lebens akzeptieren. Wahrscheinlich würden wir sie als Übermenschen bezeichnen und uns wünschen, so zu sein wie sie. Tatsache ist, dass diese magische Gruppe von Menschen unter uns wandelt. Wir nennen sie Teenager oder Heranwachsende im Alter zwischen 10 und 25. Und obwohl diese Zeit im Leben tendenziell einen schlechten Ruf hat, können wir drei erstaunliche Dinge daraus lernen. Als Neurowissenschafterin hat Galván die letzten 25 Jahre damit verbracht, das jugendliche Gehirn zu erforschen und hat dabei herausgefunden, dass es in dieser Lebensphase zu einem explosionsartigen Wachstum kommt, das zu einigen ziemlich erstaunlichen Superkräften führt. So ist unser Gehirn beispielsweise – abgesehen von der Zeit als Baby – in der Pubertät am lernfähigsten, und das ist notwendig, damit wir erwachsen werden. Diese drei Eigenschaften können wir deshalb von Jugendlichen lernen: Erstens schrecken sie nicht vor Ungewissheiten zurück. Im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen, geraten sie nicht in Panik und sehen in den Überraschungen des Lebens positive Lernmöglichkeiten. Zweitens sind Jugendliche gut darin, den Status quo in Frage zu stellen und Dinge aufzumischen. Das sind unglaubliche Führungsqualitäten, die sie zu visionären Botschaftern der Zukunft machen um sich über die Möglichkeit von Veränderungen zu freuen. Drittens gehen Teenager strategische Risiken zu ihrem Vorteil ein. Sie verlassen das Zuhause für ein neues Abenteuer oder stehen für Dinge ein, an die sie glauben. Wir «Alten» müssen diese Jungen zu positiver Risikobereitschaft ermutigen, um ihr Selbstvertrauen zu fördern und für uns selbst einen jugendlicheren Geist annehmen.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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