Blog, Industrie 4.0

#456 – «Alte»: Ohnmacht und Entmündigung

Die Ohnmacht im Umgang mit Algorithmen
In ihrem Beitrag in der NZZ am Sonntag vom 1. Februar 2026 mit dem Titel «Regelwerke, Standards, Kontroll-Apps: Wir alle vollziehen immer öfter Vorgaben, statt zu handeln. Was macht das mit uns?» beschreibt die Kulturredaktorin Martina Läubli (46) etwas, was mich seit langem umtreibt. Diese Ohnmacht gegenüber der Technologie, diese Entmündigung am beleuchteten Rechteck des Bildschirms. Wir «Alten» investierten in den letzten 50 Jahren viel Lebenszeit damit, Updates zu installieren, Passwörter einzutippen und Log-ins zu erstellen. Um ein Billett zu kaufen, einen Artikel zu lesen oder eine Krankenkassenrechnung herunterzuladen: Immer muss man sich einloggen, oft auch einen sechsstelligen Zahlencode eingeben. Sich einzuloggen, ist keine sinnerfüllende Tätigkeit. Wir tun es, weil sonst die Dienstleistung unerreichbar bleibt. Digitale Abläufe sind starr, und wir sind ihnen ausgeliefert. Log-ins sind nur ein kleines Beispiel für unsere Ohnmacht gegenüber hoch standardisierten Abläufen.

Entmündigt durch die digitale Logik am Bildschirm
Läubli bezieht sich in ihrer Betrachtung auf das neue Buch «Situation und Konstellation» des Deutschen Soziologen und Politikwissenschafter Hartmut Rosa (60), Professor in Jena. Er schreibt, dass wir immer mehr von Handelnden zu Vollziehenden werden. Dass wir Regeln ausführen, Daten eingeben, Kästchen anklicken – kurzum: uns von Parametern und Algorithmen bestimmen lassen. Beim Vollziehen spielen eigene Erfahrung, Absichten oder Gefühle keine Rolle. Eine komplexe Lebenssituation wird auf wenige, oft binäre Optionen reduziert. Die digitale Logik am Bildschirms lassen wir uns auch in der Freizeit gefallen. Laut einer Studie der Universität Zürich verbringen Schweizerinnen und Schweizer pro Tag durchschnittlich 5,7 Stunden im Internet, dreimal so viel wie 2011. «Klicken oder nicht klicken ist der binäre Grundmodus des Vollziehens bei fast allen Aktivitäten im Internet», schreibt Rosa.

Paradigmenwechsel im Umgang mit der Technik
Im Feuilleton der NZZ vom 19. Januar 2026 beschreibt der Datenjournalist und stellvertretende Chefredaktor der NZZ Barnaby Skinner (52), wie uns künstliche Intelligenz KI weiterhelfen kann. In seinem Beitrag unter dem Titel «Jenseits von rechter und linker Politik: Die Wahrheit ist nicht tot, sie ist nur schlecht verlinkt» bezeichnet er die KI als Kuratorin der Vernunft. Auch wenn sein Artikel von der Art und Weise zukünftiger Medienberichterstattung handelt, zeigt er gleichzeitig die Möglichkeiten auf, für eine den aktuellen Bedürfnissen angepassten Umgang mit Computern. Wir stehen an einer technologischen Schwelle. Die besseren Algorithmen, getrieben von einer neuen Generation der KI könnten genau das Werkzeug sein, das wir brauchen, um versteckte Daten sichtbar zu machen. Ohne sich in verschiedenen Applikationen mühsam einloggen zu müssen, fragen wir einen KI-Agenten, uns die Informationen über ein bestimmtes Geschehnis herauszusuchen, oder die oben erwähnte Krankenkassenrechnung einzublenden. Die betreute und sorgfältige, aber kreativ und schnell ausgeführte Recherche durch die kommende Generation der KI-Kuratierung verspricht einen Paradigmenwechsel. Large Language Models LLM werden zur semantischen Analyse fähig sein. Sie werden in Zukunft Texte mit Statistik inhaltlich auswerten und die Plausibilität der Information optimieren. Erfahrene, neugierige und kompetente «Alte» validieren die Resultate.

Ein Haufen Sprache, 1966, des amerikanischen Künstlers Robert Smithson (1938-1973)

Prompten als philosophische Praxis
Anstelle von Suchanfragen tritt das Prompting. Im Textfenster von KI-Systemen spielt sich der kreative Austausch zwischen Mensch und Maschine ab, schreibt der Politikwissenschafter und freie Publizist Adrian Lobe (38) in der NZZ vom 26. Januar 2026. Unter dem Titel «Der Prompt schult das kreative Schreiben: Je geistreicher die Eingabe an KI, desto besser das Ergebnis». KI hat zu einer Demokratisierung der Kulturproduktion geführt, ist er überzeugt. Mit frei zugänglicher Software können wir heute Texte wie Kafka schreiben oder Bilder wie Monet malen. Die Kulturpessimisten, die jetzt das Ende der Kreativität herbeiraunen, verkennen, dass Kunst schon immer elitär war – und KI bloss ein Werkzeug ist, wie seinerzeit der Fotoapparat. Prompten ist nicht rein funktional, sondern eine philosophische Praxis: Das Format zwingt zu sprachlicher und begrifflicher Genauigkeit. Es geht darum, lexikalische Mehrdeutigkeiten zu minimieren und Phänomene klar zu benennen. Je präziser der Prompt, desto besser das Ergebnis. Denn eine KI, die keine Vorstellung von der Welt hat und beispielsweise nur mit Text-zu-Bild-Paaren trainiert wurde, braucht klare Anweisungen, um Dinge zu visualisieren. Lange hiess es, das Schreiben habe keine Zukunft mehr. «Nur noch Historiker und andere Spezialisten werden in Zukunft schreiben und lesen lernen müssen», behauptete der tschechisch-brasilianische Medienphilosoph und Kommunikationswissenschafter Vilém Flusser (1920-1991). Im Übergang von der alphabetischen Schrift zu technischen Bildkulturen (Fotografie, Film, Video) verliere die Schrift ihre Bedeutung als historisches Bewusstsein und werde zum Code für Maschinen, war Flusser überzeugt.

«Alte» Autoren sind unersetzlich
Die jahrtausendealte Schrifttechnik, deren Untergang in der Digitalität immer wieder prophezeit wurde, feiert nun ausgerechnet im digitalen Medium der KI ein Revival. Der Investor Peter Thiel (58) orakelt, KI werde viel schlimmer für die «Mathemenschen» als für die «Wortmenschen» sein. In wenigen Jahren seien KI-Modelle in der Lage, die Probleme der amerikanischen Mathematikolympiade zu lösen. Die Autoren seien jedoch viel schwerer zu ersetzen. Der Siegeszug der KI hat ein neues Berufsbild geschaffen, das an der Schnittstelle von Informatik und freien Künsten liegt, meint Adrian Lobe: Prompt-Ingenieur:in. Unternehmen auf der ganzen Welt suchen nach KI-Flüsterer:innen, die durch gezielte Handlungsanweisungen der Maschine Kreativität entlocken. «In zehn Jahren werden die Hälfte der Arbeitsplätze der Welt im Bereich Prompt-Engineering sein», prophezeit Robin Li, Mitgründer des chinesischen Suchmaschinenriesen Baidu. Tech-Konzerne haben reihenweise Programmierende entlassen. Es braucht in Zukunft immer weniger Softwareingenieur:innen, wenn jeder und jede mit Chat-GPT coden kann. Aber dafür Wortakrobat:innen, die das Unerwartete, Genialische aus der Maschine herauskitzeln. Prompting ist das neue kreative Schreiben, eine Schreibpraxis, die experimentell und empirisch ist – und für die es noch keine ästhetischen Standards gibt. Die Bildersprache der Welt von morgen bestimmen nicht die Programmierenden, sondern die Prompter:innen.

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#454 – Frankenstein: Kompetenz der «Alten»

Künstliche Intelligenz KI und die Macht der dunklen Bereiche des Lebens
Der Beitrag von Dr. Iseult Gillespie (30), Schriftstellerin und Produzentin in TED-Ed • Februar 2017 (4:41), mit dem Titel «Everything you need to know to read Frankenstein», ist eine frühe Erzählung zur künstlichen Intelligenz KI und die Ungewissheit über das Ergebnis. Als Mary und Percy Shelley im Haus des britischen Poeten Lord George Gordon Byron (1788-1824), der Villa Diodati hoch über Cologny, am Lac Léman logierten, stellte dieser seinen literarischen Weggefährtinnen zum Zeitvertreib eine Aufgabe: Wer kann die schauerlichste Geistergeschichte schreiben? Das brachte die 18-jährige Mary auf eine Idee. In den nächsten Monaten erfand sie die Geschichte von Frankenstein. Das Buch zeichnet Dr. Victor Frankensteins vergebliches Streben nach, Leben zu schaffen und zu erhalten. Er konstruiert sein Monster Stück für Stück aus toter Materie und elektrisiert es zu einem Wesen mit Bewusstsein. Doch nach Beendigung des Experiments flieht er voller Entsetzen vor dem Ergebnis. Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851) war eine bekannte Romantikerin und nutzte mythische Bezüge, um die Reinheit der antiken Welt im Kontrast zur Moderne aufzuzeigen und betrachtete die Wissenschaft mit Argwohn. Für Shelly war «Frankenstein» eine der ersten Warnungen vor künstlicher Intelligenz, ein Horror aus dem Labor. Basierend auf ihrem persönlichen Trauma, kontrastiert sie im Roman «Frankenstein oder der moderne Prometheus» (1818), eine Bildwelt von Licht und Dunkel, einer Macht radikaler Ideen, die dunklen Bereiche des Lebens.

KI und das Monster von Dr. Frankenstein
In einer Zeit, in der KI unsere Arbeit und Freizeit beeinflusst, hilft uns Mary Shelleys Roman «Frankenstein», über die unerwarteten Folgen von Innovation nachzudenken, schreibt Sara Camilla Ibrahim (40+) in ihrem Artikel vom 14. Januar 2026 in SwissInfo online. Mit dem Titel «Frankensteins Monster: Was uns Mary Shelleys «Schweizer Kreatur» über KI lehrt» vergleicht sie Aspekte der Entwicklung künstlicher Intelligenz inhaltlich mit dem weltberühmten Roman. Eine aus Teilen menschlicher und tierischer Leichen zusammengesetzte Kreatur erwacht zum Leben – sehr zum Erstaunen und Ekel von Dr. Victor Frankenstein, ein Moment der sein Leben verändern wird. Es ist die Geschichte, in der die technologische Erfindung der menschlichen Kontrolle entgleitet. Die Kreatur flieht, lernt sprechen und rächt sich schliesslich an ihrem von Schuldgefühlen geplagten Schöpfer. Frankenstein ist seit über zwei Jahrhunderten das Spiegelbild der Ängste im Zusammenhang mit der Moderne und kulturellen Veränderungen, schreibt Ibrahim. Es mag deshalb verlockend sein, die Parabel von Frankenstein mit der künstlichen Intelligenz KI zu vergleichen. Die Ähnlichkeiten sind offensichtlich: Die Kreatur ist ein künstliches Wesen, das nach eigenem Willen handelt. Ihr Schöpfer ist ein selbstbewusster und ehrgeiziger Wissenschafter. Die Kreatur ist aus menschlichen Teilen zusammengesetzt, ebenso wie KI-Modelle anhand bestehender menschlicher Texte trainiert werden.

Bernie Wrightson (1948 – 2017) amerikanischer Künstler: Originales Cover-Artwork für die Marvel-Comics-Adaption von Frankenstein 1983

Wer ist verantwortlich: der Schöpfer oder das Geschöpf?
Ein zentrales Thema in Shelleys Roman ist die Verantwortung. Das Geschöpf von Victor Frankenstein ist anfangs harmlos. Es handelt in guter Absicht und wird erst gewalttätig, als es von seinem Schöpfer abgelehnt und von den Menschen angegriffen wird, denen es begegnet. Der Roman wirft die Frage auf, wer für die Handlungen des Geschöpfes verantwortlich ist: der Schöpfer, die Gesellschaft oder das Geschöpf selbst? Nachdem die Kreatur mehrere Verbrechen begangen hat, wendet sich Frankenstein an einen Richter in Genf, um Gerechtigkeit zu erlangen. Der Richter ist von der Erzählung zwar erschüttert, erklärt sich jedoch für machtlos: Er kann nichts tun, um eine Kreatur vor Gericht zu bringen, die «über Kräfte zu verfügen scheint, die alle meine Mittel wirkungslos machen». Eine Situation, die dem aktuellen rechtlichen Status grosser Sprachmodelle (LLM) sehr ähnlich ist. «Wenn Sie es mit einem nicht-menschlichen Wesen wie einem Chatbot zu tun haben und der Chatbot Ihnen Schaden zufügt, wer hat Ihnen dann Schaden zugefügt? Der Chatbot? Das Unternehmen, das ihn entwickelt hat? Sie selbst? Das sind sehr aktuelle Fragen», sagt Sarah Marsh (45+), Professorin für Englisch an der Seton Hill University in den USA. Aufgeschlossene, neugierige und kompetente «Alte» als Sparringspartner im Team mit jungen Entwicklern helfen auf Grund ihrer Erfahrung bei der Einordnung solcher Gefahren.

Die unbeabsichtigten Folgen der Technologie
«Wir Wissenschafter lösen oft Probleme, ohne über die Auswirkungen nachzudenken. Dieser Roman bietet uns die Möglichkeit, die unbeabsichtigten Folgen wissenschaftlicher Handlungen zu untersuchen», sagt Prof Andy Bell (50+), Leiter der Abteilung für Forschung und Innovation an der Universität Sheffield im Vereinigten Königreich. Die Entwicklung der KI schreitet so schnell voran, dass unbeabsichtigte Folgen unvermeidlich sind. Unternehmen wie OpenAI bemühen sich, die zahlreichen unvorhergesehenen Probleme anzugehen. Die Macht und Allgegenwärtigkeit dieser Technologie weckt Befürchtungen, dass sie uns letztendlich schaden könnte, indem sie beispielsweise Arbeitsplätze vernichtet, mit Rechenzentren ökologische Schäden verursacht oder apokalyptische Szenarien im Zusammenhang mit KI-gesteuerten Waffen realistisch macht. Daraus zu schliessen, dass die Technologie nicht weiter verfolgt werden soll, ist unrealistisch und kontraproduktiv.

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#453 – Intuition der «Alten»: Furcht, Warnen

Computer werden intelligenter sein als wir
Ilya Sutskever (39), Israelisch-Canadischer Computer Wissenschafter und Mitbegründer von OpenAI, behauptet in seiner Präsentation auf TEDAI 2023 • October 2023 (12:24), dass Menschen anfangen werden, aus Eigeninteresse in beispielloser Weise zusammenzuarbeiten. Unter dem Titel «The exciting, perilous journey toward Artificial General Intelligence AGI», {die aufregende, gefahrvolle Reise hin zur künstlichen allgemeinen Intelligenz AGI) erläutert er, wie der Tag kommen wird, an dem die digitalen Gehirne in unseren Computern so gut oder sogar besser sein werden als unsere eigenen biologischen Hirne. AGI wird dramatische und unglaubliche Auswirkungen auf jeden einzelnen Bereich menschlicher Aktivität haben. Die Technologie wird sich von den uns bekannten Technologien unterscheiden, indem sie sich selbst verbessern kann. Die technologische Entwicklung ist vergleichbar mit der industriellen Revolution, mit ihrem rasanten Anstieg und schnellen Wachstum, welche damals unser Leben auf verschiedenste Art veränderte. Mit AGI könnte etwas Ähnliches erneut geschehen, jedoch innert kürzerer Zeit.

Die KI nutzt globale «Schwarmintelligenz»
Der Britisch-kanadische Informatiker und Kognitionspsychologe Geoffrey Hinton (78) erklärt auf Reddit, wie LLMs nicht mehr nur das nächste Wort voraussagen – neue Modelle lernen durch logisches Denken und erkennen Widersprüche in ihrer eigenen Logik. Diese grenzenlose Selbstverbesserung wird sie letztendlich «viel intelligenter machen als uns». Agenten können Wissen in einem viel grösseren Umfang teilen als Menschen. 10’000 Agenten können verschiedene Themen studieren, ihre Lernergebnisse sofort synchronisieren und sich gemeinsam verbessern. «Stellen Sie sich vor, 10’000 Studenten belegen jeweils einen anderen Kurs, und wenn sie fertig sind, kennt jeder Student alle Kurse» meint Hinton.


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«When we forget things, where do they go?»
Wenn wir Dinge vergessen, wohin verschwinden sie dann?
Catherine Airey (32), aus ihrem Buch «Confessions»

Was ist Intelligenz?
Je klüger unsere Maschinen werden, desto argloser handeln wir. Zeit, über die menschliche Intelligenz nachzudenken. Und über die menschliche Dummheit. Unter dem Titel «Nuzte das Poetnzial deiner Itenlligenz!» stellt Peter Ackermann (54) in der NZZ vom 26. Dezember 2025 die Frage: Werden wir tatsächlich seit zwanzig Jahren dümmer, wie Untersuchungen nahelegen? Macht uns die künstliche Intelligenz KI dumm? Was ist Dummheit eigentlich? Und was menschliche Intelligenz? Schwergewichtig befasst sich der Artikel mit der Analyse des IQ-Test, dem Intelligenzquotienten. Gewiss ist: Der Mensch verfügt über Intelligenz. Doch er ist auch bereit, sie preiszugeben. Etwa indem er Denkarbeit auslagert. Wer mithilfe künstlicher Intelligenz einen Text formulieren lässt, spart zwar Zeit, lässt aber seine geistigen Fähigkeiten verkümmern, folgert Ackermann. Er verweist auf die Aussage des Psychologen Gerd Gigerenzer (78). Dieser findet, dass die Gefahr dabei weniger von der Maschine ausgeht, als von zwei menschlichen Quellen: «von denen, die KI kontrollieren, und von uns, die wir sie nutzen».

Die Warner
Warner gibt es viele, so auch der amerikanische Intelligenzforscher Robert Sternberg der behauptet: wer Denkarbeit auslagert, gibt kritisches Denken auf und nennt es daher «mutwillige Selbstverdummung». Peter Ackermann erwähnt den Wiener Intelligenzforscher Jakob Pietschnig (33) und dessen Unterscheidung zwischen «Dummheit erster und Dummheit zweiter Ordnung». «Diffuses Misstrauen verdrängt die rationale Abwägung», schrieb die forensische Psychiaterin Heidi Kastner (63), in ihrem Buch mit dem Titel «Dummheit». Gerade die Fähigkeit, Fakten zu kennen und dennoch falsch zu urteilen, macht die Dummheit zweiter Ordnung so gefährlich. Paradoxerweise verursachen insbesondere kluge Köpfe oft gravierende Fehler mit weitreichenden Folgen. Eine «Torheit der Intelligenten» nennt das Robert Sternberg. Wer scharf denkt, beherrscht zumeist die Kunst, Widersprüche auszublenden und nur das zu sehen, was der eigenen Weltsicht entspricht, ein Leben in der «Bubble».

Mehrdeutigkeit in der Kunst: Der belgische Künstler René Magritte (1898-1967), Le Retour 1940. Surrealismus – Realität und Fantasie.

Intuition kommt mit Erfahrung
Gerd Gigerenzer verweist auf den Gegensatz zur maschinellen Intelligenz: «Menschliche Intelligenz zeigt sich im klugen Entscheiden bei Unsicherheit.» Für ihn ist Intelligenz eine Werkzeugkiste voller einfacher Faustregeln, die helfen, mit wenig Wissen und unter Zeitdruck gute Entscheidungen zu treffen. In einer unsicheren Welt schlagen einfache Regeln oft komplexe Modelle, die sich zu genau an vergangene Daten anpassen und scheitern, wenn die Zukunft anders aussieht. Was wir Bauchgefühl nennen, beschreibt Gigerenzer als «Intelligenz des Unbewussten». «Wenn man sie unbewusst nutzt, ist es Intuition», sagt er. Intuition ist vor allem eine Frage der Praxis. Intuition entsteht, wenn das Unbewusste erkennt, welche Faustregel in welcher Situation funktioniert. «Wer sich intensiv und über längere Zeit mit einer Sache auseinandersetzt, entwickelt ein Gespür für das Richtige», ohne jeden Schritt bewusst analysieren zu müssen. So lernt das Unbewusste, welche Regel in welcher Lage trägt und welche nicht. Die Intuition von «Alten» Profis unterscheidet sich vom Bauchgefühl der Jungen durch Erfahrung

Die Neigung, neue Werkzeuge zuerst als Bedrohung zu fürchten
Verdichtetes Wissen, geformt durch Übung, Irrtum und Einsicht. Menschliche Intelligenz ist nicht allein angeboren und begrenzt, sondern kann sich bei jedem Menschen weiterentwickeln. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah (72) nennt dies den «Übergang von Handfertigkeit zu Aufsicht». Künstliche Intelligenz verschiebt den Begriff von Expertise: weg vom Erzeugen, hin zum Bewerten. Die menschliche Urteilskraft wird damit zur Schlüsselkompetenz. Technologische Entwicklung bedeutet seit je Auslagerung menschlicher Intelligenz: vom Gedächtnis auf Schriftzeichen, vom Wissen auf Maschinen, von Erfahrung auf Algorithmen. «Die entscheidende Frage lautet nicht, ob unsere Fähigkeiten schwinden», sagt Gerd Gigerenzer, «sondern wie wir unsere Urteilskraft bewahren und die neuen Werkzeuge nutzen, ohne uns von deren Besitzern benutzen zu lassen.» Neugierige, aufgeschlossene und kompetente «Alte» in gemischten Teams garantieren eine Fortschreibung der Entwicklung neuer Werkzeuge ohne Furcht vor deren Bedrohung.

KI ist gefährlich – aber nicht aus dem Grund weshalb wir denken
Statt uns von künftigen existenziellen Risiken durch die KI ablenken zu lassen, sollten wir nach Ansicht der KI-Ethikforscherin Sasha Luccioni (36) einige negative Auswirkungen der Technologie nicht aus den Augen verlieren. Wie zum Beispiel die Kohlenstoffemissionen der Serverfarmen, die Verletzung von Urheberrechten und die Verbreitung verzerrter Informationen. In ihrer Präsentation auf TEDWomen 2023 • October 2023 (10:18) plädiert die Forscherin für praktische Lösungen zur Regulierung einer KI-geprägten, inklusiven und transparent gestalteten Zukunft. Denn die Wolke, auf der KI-Modelle leben, besteht aus Metall und Plastik und wird mit riesigen Mengen Energie betrieben. Allein das Trainieren eines KI-Sprachmodells wie ChatGPT verbraucht so viel Energie wie 30 Haushalte in einem ganzen Jahr und setzt 25 Tonnen Kohlendioxid frei, wie eine Autofahrt fünfmal um den Planeten.

Die Befürchtungen vor Voreingenommenheit
Grosse Sprachmodelle sind in den letzten fünf Jahren um das 2000-Fache gewachsen und damit auch die Kosten für die Umwelt. Neben Nachhaltigkeitsthemen stehen natürlich auch Urheberrechte im Fokus. So können etwa Künstler und Autoren nur schwer nachweisen, dass ihr Lebenswerk ohne ihre Zustimmung für das Trainieren von KI-Modellen verwendet wurden. Letztlich ist da noch die Voreingenommenheit. KI-Modelle kodieren Muster und Überzeugungen, die Stereotype, Rassismus und Sexismus darstellen können. Durch ihren Einsatz werden KI-Modelle mit dem Gefüge unserer Gesellschaften verwoben; unsere Handys, Social-Media-Feeds, sogar unsere Justizsysteme und Volkswirtschaften enthalten KI. Diese muss deshalb transparent und zugänglich bleiben, damit wir wissen wie sie funktioniert und wann nicht. Wir kompetenten «Alten» müssen zusammen im Team mit den technologisch gewieften Jungen den Weg in unsere Zukunft gemeinsam bauen und dabei entscheiden, welche Richtung wir einschlagen wollen.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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