Komfort oder staatliche Überwachung
In seinem Beitrag mit dem Titel «Hyperkonnektivität: zwischen Komfort und Kontrolle» greift Dr. Gian-Luca Savino, GDI Gottlieb Duttweiler Institute Newsletter vom 23 September 2025, ein wichtiges Thema, auch für uns «Alte», auf. Die wegweisende Entwicklung von Super-Apps in einer hypervernetzten Welt. Wie setzt man die Vorteile künstlicher Intelligenz KI zum Komfort von uns Nutzern ein. Ist es weiterhin sinnvoll, dass jedes Unternehmen seine Angebote auf einer eigenen App anbietet, oder sollten wir nicht eher Dienste bündeln und Partnerschaften eingehen. Technologisch sind Abgrenzungen innerhalb dieser Kooperationen machbar und die gemeinsame Verwaltung spart Kosten. Auf einem Smartphone sind oft über 100 Applikationen installiert. Meist nutzen wir gefühlte 20% und davon täglich nicht mehr als die Hälfte. Für uns «Alte» könnte manches durch den Einsatz von KI mit Hyperkonnektivität vereinfacht werden. Wir haben alle Geschäfte auf einer Plattform im Blick, mit einem einzigen geschützten Zugang. «Super-Apps» stehen für einen Trend, der sich in Europa, wegen dem Datenschutz und weiteren gesetzlichen Hürden nur schwer verwirklichen lässt. Die speziellen Apps bieten ganze Ökosysteme an Funktionen und Diensten. WeChat als etablierte «Alleskönner-App», ist die führende Lösung in China. Ursprünglich ein Messenger-Dienst, hat sie sich zu einer All-in-One-Plattform entwickelt. Nutzer können über WeChat chatten, aber auch praktisch alles andere erledigen, ohne die App verlassen zu müssen – von Telefonaten über Zahlungen und Shopping bis hin zu Routenplanung und Taxibestellung. Sie kann sogar als offizielle digitale Identitätskarte verwendet werden und ist damit ein unverzichtbares Werkzeug im chinesischen Alltag. Die Schattenseite dieser totalen Vernetzung: WeChat unterliegt strenger staatlicher Überwachung.

Monopolstellung oder Gewinn für uns Nutzer
Während Super-Apps in einigen Ländern weltweit boomen, konnten sie sich in Europa bisher nicht durchsetzen. Europa fehlt noch immer die «Alles-App». Gemäss Gian-Luca Savino gibt es dafür viele Gründe. Einer der Hauptfaktoren ist jedoch die starke Marktdurchdringung spezialisierter Lösungen im westlichen App-Markt. Für nahezu jeden Zweck existieren etablierte Apps: Facebook, Instagram und TikTok als soziale Medien, Uber oder SBB für Transport, Lieferdienste für Essen, Netflix für Unterhaltung und Google Maps für Navigation und lokale Suche und so weiter. Gerade für uns «Alte» Konsumenten sind solche Lösungen mühsam, mit vielen individuellen Passwortzugängen und unterschiedlichen Eingabeformaten. Es scheint als hätten wir Europäer die Vorteile weltweiter Vernetzung, das «Internet», nie wirklich verstanden. Zu sehr fokussieren sich Firmen auf «lokale» Eigenentwicklungen, oft kompliziert im Gebrauch. Man traut der Technologie nicht so recht, kann sich mit Blick auf die Konkurrenz schlecht vorstellen, wie eine Super-App für alle Beteiligten von Nutzen sein könnte. Europas strenge Datenschutzbestimmungen, insbesondere die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung in Kraft seit 2018), erschweren die Bündelung grosser Mengen personenbezogener Daten auf einer einzigen Plattform. Grosse digitale Ökosysteme sehen sich schnell kartellrechtlichen Herausforderungen gegenüber, man will die Entstehung von Monopolen verhindern. Dieser Bürokratisierungswahn verkompliziert die Anwendung künstlicher Intelligenz, ohne Gewinn für uns Nutzer.
Das digitale Leben auf einer einzigen Plattform
«Je länger je mehr denke ich, dass wir uns ein Stückweit damit abfinden müssen, in Europa den Anschluss an die Technologie der künstlichen Intelligenz verpasst zu haben», schreibt ein Kontakt auf LinkedIn. Das hat, seiner Meinung nach, vielerlei Ursachen, wie beispielsweise das steigende Durchschnittsalter, die zunehmende Behäbigkeit, die uns die «fetten Jahre» nach dem Ende des kalten Krieges in den 1990ern eingebracht haben, aber auch Zweifel an der Technologie. WhatsApp, Facebook, Instagram und E-Commerce sind allgegenwärtig. Eine All-in-One-App nach dem Vorbild von WeChat ist in Europa jedoch vorerst nicht in Sicht. Letztendlich spielen auch kulturelle Präferenzen eine entscheidende Rolle. Europäische Verbraucher schätzen Wahlmöglichkeiten und Dezentralisierung und bevorzugen es oft, für jeden Zweck eine eigene Spezial-App zu nutzen, anstatt alle Dienste einem einzigen Anbieter anzuvertrauen. Europäer vertrauen beispielsweise weniger darauf, ihr gesamtes digitales Leben auf einer einzigen Plattform zu speichern als Menschen in China.
Neue Strategien für Behörden und Unternehmen
Das heisst aber nicht, dass in Europa keine Super-Apps entwickelt werden. Einige Dienste im Westen erweitern schrittweise ihren Funktionsumfang. Google Maps ist beispielsweise längst weit mehr als nur ein Navigationstool: Es vereint Standortsuche, Restaurantbewertungen, Verkehrsinformationen, Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr und teilweise auch Buchungsfunktionen in einer einzigen App. Grosse Fintech-Apps wie Revolut und Klarna streben die Integration verschiedener Finanzdienstleistungen an, von Bankgeschäften bis hin zu Online-Shopping. Auch Meta möchte eine stärkere Integration zwischen WhatsApp und Google Maps erreichen. Der Wandel hin zu einer stärker vernetzten und digitalisierten Welt ist unaufhaltsam. Komfort und Effizienz sollten für uns Menschen an erster Stelle stehen – sowohl im Umgang mit Unternehmen als auch mit Behörden. Unternehmen und Organisationen müssen deshalb bereit sein, neue digitale Strategien zu verfolgen und etablierte Kommunikations- und Vertriebskanäle zu überdenken. «Alte» im Team mit jungen Entwicklern bringen ihre Erfahrung ein und agieren gleichzeitig als das «soziale Gewissen». «Die Erfahrung von uns «Alten» ist kein Anker in der Vergangenheit, sondern das Steuerrad im Maschinenraum der Zukunft», schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt, aus dem Kreis der Kompetenten.
Digitale Transformation ohne Vertrauensverlust
Auch ohne eine zentrale Super-App schreitet die Konvergenz digitaler Dienste in allen Lebensbereichen voran. Unternehmen und Behörden müssen diese Entwicklung aufgreifen, indem sie benutzerfreundliche Lösungen anbieten, neue Technologien, wie beispielsweise digitale Zahlungsmethoden, frühzeitig integrieren und den Dialog mit den Nutzern pflegen. Dies ist entscheidend, um in einer hypervernetzten Zukunft nicht den Anschluss zu verlieren. Hyperkonnektivität eröffnet enorme Chancen für effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle – jedoch nur, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Komfort und einem gesellschaftlich akzeptierten Mass an Kontrolle gefunden wird. Letztlich hängt die Zukunft des digitalen Fortschritts in Europa davon ab, dass wir technische Innovation untrennbar mit der Übernahme von Verantwortung verbinden. Die digitale Transformation kann dann ihr Versprechen einlösen, unser Leben komfortabler zu gestalten, ohne Vertrauen und Zusammenhalt zu untergraben, schreibt Gian-Luca Savino.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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