Blog, Industrie 4.0

#403 – Faktenchecker – Erfahrung von «Alten»

Weise sind die Jungen, nicht die Alten
«Dass es so etwas wie Lebenserfahrung gibt, ist eine Behauptung alter Trottel. Erfahrungen macht man als 17-Jähriger und nicht mit 90. Lebenserfahrung ist ein Quatsch. Nein, nein, nein. Bitte aufhören.»

Aus dem Interview von Sacha Batthyany und Rafaela Roth mit dem Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel zu seinem bevorstehenden 90. Geburtstag, in der NZZ vom 18. Januar 2025.

Wir müssen ins Gestalten kommen
Die Lebensqualität, auch von uns «Alten», in einer digitalisierten Welt ist definitiv besser als uns dies die Bedenkenträger und ewigen Zauderer des «Woke-Kapitalismus» weismachen wollen. «Wir könnten in einer viel besseren Welt leben», sagte der Berliner KI-Philosoph Christian Uhle (37) im Interview mit Martin Helg (56) in der NZZ vom 4. Januar 2025, über die Chancen der technologischen Revolution. Wir müssen ins Gestalten kommen – wir dürfen nicht einfach abwarten, was passiert. Dank unserer Altersweisheit und Erfahrung sind unsere Einflussmöglichkeiten vielfältig und betreffen mehrere Ebenen. Indem auch wir die Technologie nutzen, können wir deren Entwicklung auf einer individuellen Ebene mitformen. Wir «Alten» brauchen dank unserer Lebenserfahrung keine staatlich vorgeschriebene Zensur im Internet. Heutige «Faktenchecker», welche entsprechend ihrem Kulturverständnis und Wertesystem, ihrem Alter oder sozialer Herkunft, ihre jeweils eigene «Wahrheit» zum Massstab für uns alle anwenden, erreichen trotz KI sowieso nur einen Bruchteil der Milliarden von Inhalten. Jede Organisation prägt ausserdem durch die Art, wie sie KI implementiert, die Arbeitswelt und damit auch die Gesellschaft der Zukunft. Hier ist viel Gestaltungsspielraum für uns «Alte». Auf der gesellschaftspolitischen und regulatorischen Ebene brauchen wir sinnvolle Gesetze, welche den Fortschritt nicht verhindern. Insgesamt stehen wir am Anfang einer neuen Epoche. Egal ob wir auf das Feld der Arbeit schauen, wo so viele Menschen ihre Tätigkeit nicht als sinnvoll erfahren, auf die wachsende Einsamkeit oder auf soziale Ungleichheiten: Überall ist Luft nach oben. Wir könnten in einer viel besseren Welt leben. Und wenn nun eine derart weitreichende Schlüsseltechnologie bisherige Strukturen aufbricht, bietet das Chancen zur Gestaltung und für eine bessere Zukunft.

Henri Émile Benoît Matisse (1869-1954), französischer Maler, Bild: Ausstellung in der Galerie Beyeler, 2025

Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten
Auf die Frage, ob wir uns für die künstliche Intelligenz KI interessieren sollten stellt Uhle fest, wie diese unser Leben komplett verändert, sogar wenn wir sie nicht aktiv nutzen. Er erwähnt die Entwicklung von Medikamenten mit Hilfe von KI oder die Veränderungen in der Wirtschaft durch KI-generierte Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. Künstliche Intelligenz strukturiert unser analoges Leben stark, was auch zur Umverteilung unseres Wohlstands führt. Die Dauerpräsenz von Smartphones verwischt die Grenzen zwischen digital und analog schon seit langem. Bisher kontrollierte der Mensch die Entwicklung von Applikationen und deren Werkzeuge selbst. Mit der Veröffentlichung beispielsweise von ChatGPT vor zwei Jahren entstand erstmals eine Art von Technologie, die selbst schreibt und uns in der Mensch-Technik-Interaktion wie ein Lebewesen gegenübertritt. KI ist nicht wie ein neues Programm auf unseren Computern, sondern wie eine Assistenz, die für uns eine Vielzahl von Programmen bedient. Das ist ein mächtiger Sprung, vielleicht der bisher weitreichendste in der Technikgeschichte. Für uns «Alte» bieten sich hier Gelegenheiten, die es sinnvoll zu nutzen gilt und eine bewusste Gestaltung erfordern. KI erleichtert uns viele Tätigkeiten und assistiert uns im Alltag, damit wir mehr Freiräume für das Wesentliche erhalten. Mehr Zeit für sinnerfüllende Tätigkeiten.

Veränderte Verhaltensweisen
Entscheidend ist es, all die Technologien in einem Gesamtzusammenhang zu betrachten. Sie entfalten ihr Potenzial nicht automatisch, sondern nur, wenn sie bewusst gestaltet und in kluge Gesamtkonzepte integriert werden. Das aber ist häufig unbequem, weil es erfordert, auch Verhaltensweisen zu ändern – und nicht bloss eine neue Technologie einzusetzen, die dann angeblich alle Probleme löst. KI wird in unzähligen Branchen den Menschen ersetzen. So ist sie zunehmend in der Lage, Verträge zu prüfen, Präsentationen zu erstellen, Tabellen auszuwerten und vieles mehr. Hier und da sehen wir noch Schwächen in der Umsetzung, aber die technologischen Verbesserungen sind rasant. Heute verdienen Millionen von Menschen ihr Geld mit der Bedienung von Computern per Mausklick. Gleichzeitig werden andere Kompetenzen wichtiger, strategische, konzeptionelle, soziale. Das alles sind Chancen für uns kompetente «Alte». Im selben Moment macht sich Uhle Sorgen, dass die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern auf dem Arbeitsmarkt noch weiter aufgehen könnte. Der Ideenhistoriker Yuval Noah Harari warnt vor einer Klasse der Nutzlosen. Einige Menschen werden durch diesen Wandel ihre soziale Position verschlechtert sehen. Doch viele werden weiter arbeiten, aber ganz anders als bisher. Nicht alle Leute werden arbeitslos, aber die Gewinner-Verlierer-Strukturen verändern sich.

Arbeit und die Sinnfrage
In der Kundenbetreuung zum Beispiel können KI mit Menschen telefonieren, ohne Wartezeiten, mit unendlicher Geduld und Freundlichkeit. In einer Umfrage von 2022 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gaben mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen an, dass sie keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Wo Menschen bereits heute so fühlen, dass sie wie Roboter vor sich hin arbeiten, können sie durch Maschinen immer besser ersetzt werden. Dabei gilt: Je standardisierter ein Prozess ist, desto eher lässt er sich automatisieren. Die Diagnose von Krankheiten, das Prüfen von Verträgen oder das Berechnen einer Gebäudestatik sind zwar hochqualifizierte Tätigkeiten, die ausgeprägte Fähigkeiten verlangen. Trotzdem ist hier eine KI schon heute oft besser als der Mensch. Nicht weil es einfach ist, sondern weil es standardisiert ist. Seit Jahren wird das Ziel verfolgt, Prozesse zu standardisieren, im Namen der Effizienz und Qualitätssicherung. So haben wir die Grundlage dafür geschaffen, dass KI viele Prozesse unterstützen oder übernehmen kann. Indem wir das Zwischenmenschliche stärken, tragen erfahrene «Alte» als Mentoren oder Coaches im Team mit den «jungen Wilden» dazu bei, dieser Entwicklung zu gesellschaftlicher Bedeutung und Wertschätzung zu verhelfen.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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#400 – Frohe Festtage und viel Glück im 2025

Marina Abramović (78) «Four Crosses», 2019. Installationsansicht Wasserkirche Zürich. In Kooperation mit Kunsthaus Zürich und unterstützt durch Wilde Gallery. Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Ein grosses Dankeschön
Mit dem vierhundertsten Blogbeitrag beschliesse ich ein ereignisreiches 2024 und freue mich auf eine Zukunft voller ungeahnter Möglichkeiten mit neuen Begegnungen.

2025 wird ganz unter dem Einfluss von uns «Alten» in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stehen. Denn das Alter ist mitunter ein Zeichen von Stärke und dafür, dass wir dem Leben standgehalten haben. Zusammen mit der jüngeren Generation von Digitalaffinen, werden wir dem Ziel des Zusammenwachsens von Mensch und Technik, auch dank künstlicher Intelligenz, etwas näher kommen. Darauf dürfen wir gespannt sein.

Ihnen und Ihren Angehörigen wünsche ich eine erholsame und stressfreie Festtagszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr,

Werner K. Rüegger

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#341 – Das Alter der «Alten»

Das Alter, beliebtes Diskussionsthema
Dianne Feinstein, ehemalige Senatorin im US Kongress und von 1978-1988 Bürgermeisterin von San Francisco, starb am 29. September 2023, während ihrer Amtszeit im Alter von 90 Jahren. Unter dem Titel «In den USA machen viele sehr alte Menschen Politik. Wie lange ist das Hirn leistungsfähig?» schrieb Elena Oberholzer (26) zum Thema in der NZZ vom 8. Oktober 2023. Schon lange wird in den USA die Überalterung in der Politik diskutiert. Joe Biden ist der älteste Präsident der Geschichte der USA, wo viele Politikerinnen 80 Jahre alt oder älter sind. Wird er 2024 wiedergewählt, tritt er mit 82 Jahren seine zweite Amtszeit an. In einem Alter, in dem andere das Autofahren aufgeben, würde er dann vier weitere Jahre eines der einflussreichsten Länder weltweit regieren. Insgesamt sind 21 Politikerinnen und Politiker im Kongress 80 Jahre alt oder älter. 119 von insgesamt 535 Kongressabgeordneten haben ihren 70. Geburtstag schon hinter sich. Nancy Pelosi, Demokratin und ehemalige Vorsitzende des Repräsentantenhauses, zum Beispiel. Sie gehört mit ihren 83 Jahren zu den ältesten Mitgliedern im Kongress. Dennoch hat Pelosi Anfang September 2023 verkündet, sie wolle bei der Wahl 2024 erneut antreten. Am Ende einer weiteren zweijährigen Mandatszeit wäre sie demnach 86.

Zerknitterte NZZ, Zilla Leutenegger (55), NZZ 14. Oktober 2023

Das Hirn macht mit – sofern es nicht erkrankt
Im hohen Alter aktiv in der Politik – macht das Hirn das noch mit? Elena Oberholzer fragte dazu Prof. Dr. med. Reto W. Kressig (63), der an der Universität Basel zu Alter und Altersmedizin forscht: Ja, sagt dieser. «Auch mit 100 kann man noch wunderbar denken.» Sofern man von einer normalen Alterung des Hirnes rede, sei das Alter im Alltag nur in wenigen Fällen limitierend. Etwa wenn eine sehr schnelle Reaktion gefordert sei (wie beim Autofahren). Alte Menschen denken tendenziell bedächtiger und reagieren etwas langsamer. Doch sie können das mit ihrer Erfahrung kompensieren. Wichtige Denkabläufe haben sie im Laufe des Lebens verinnerlicht. Gut ausgebildeten Personen, zu denen auch die meisten Politikerinnen und Politiker zählten, falle das besonders leicht, sagt Kressig. Vor Menschen auftreten, Fragen von Medienschaffenden beantworten, Diskussionen leiten – all das seien diese Leute gewohnt. Sogar Stress kann das Hirn im Alter noch gut bewältigen. Doch die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung steigt exponentiell, wie am Beispiel von Mitch McConnell (81), dem Minderheitsführer der Republikaner im US Senat offensichtlich wurde, als er kürzlich auf die Frage eines Reporters, sekundenlang ohne zu antworten erstarrte. Gemäss Professor Kressig, liegt genau dort das Problem, je älter jemand werde, desto wahrscheinlicher werde eine Demenzerkrankung. Ab 60 beginne das Risiko zu steigen – und zwar exponentiell. «Bei über 90-Jährigen leidet fast jede zweite Person an einer Demenz», weiss er.

«Ageism» – Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz
Doch gerade in den USA ist es verpönt, die Kompetenz einer Person aufgrund ihres Alters zu hinterfragen. «Ageism» nennt sich das, Diskriminierung aufgrund des Alters. In der nordamerikanischen Gesellschaft ist man fest davon überzeugt, dass alte Menschen aufgrund ihrer langen Erfahrung und des Wissens, das sie gesammelt haben, grundsätzlich kompetenter sind. Deshalb arbeiten viele Personen bis ins hohe Alter. Ein Rentenalter wie bei uns kennt man nicht. Piyachart Phiromswad, Wirtschaftswissenschafter und Assistenzprofessor am Sasin Graduate Institute of Business Administration der Chulalongkorn University in Bangkok, Thailand, präsentiert im TED2023talk vom April 2023 einige Vorschläge, wie Technologie uns «Alten» helfen kann, länger produktiv zu sein. Bis zum Jahr 2050 wird es mehr als zwei Milliarden Menschen geben, die älter als 60 Jahre sind, und Schätzungen zufolge werden rund 80 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen leben. Weltweit herrscht eine Überzeugung, dass ältere Menschen nicht arbeiten sollten oder arbeiten müssten und dass es daher für Unternehmen keinen Grund gibt, Arbeitsplätze für sie zu schaffen.

Alterstechnologie, Senior-Employment-Technologie
Auch mit Blick auf den Mangel an Arbeitskräften, schlägt Piyachart Phiromswad vor, neue Technologien für uns «Alte» nutzbar zu machen. Dabei handelt es sich zum einen um eine Technologie, mit der körperliche und kognitive Barrieren für die Arbeit älterer Menschen abgebaut oder beseitigt werden können. Wie Menschen, die heutzutage eine Brille oder ein Hörgerät tragen, könnten Augmentationstechnologien, wie Exoskelette zum Einsatz kommen, die beispielsweise zur Stärkung der Rumpfmuskulatur verwendet werden. Oder kollaborative Roboter, kurz «Cobots», Roboterarme die Hand- und Fingerfertigkeit wiederherzustellen, insbesondere für Arbeiten, die Präzision erfordern. Wenn ein Job keine physische Anwesenheit erfordert, sind Fern-Arbeitstechnologien (Homeoffice) eine Lösung, den Arbeitsweg zu minimieren, um so eine ortsunabhängige Arbeit zu ermöglichen. Kognitive Augmentationstechnologien sollen unsere Wahrnehmungsgeschwindigkeit bei zunehmendem Alter unterstützen: wie uns Dinge zu merken, oder Bilder und Objekte zu vergleichen. Dazu könnten Mobiltelefon, Laptop, Smartwatch oder vielleicht eine Virtual-Reality-Brille mit einer kognitiven Augmentationssoftware ausgestattet sein, die auf künstlicher Intelligenz basiert und als «Begleithirn» genutzt werden kann.

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