Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#488 – Weltaltentag: «Alte» beim Buchlaunch

Im Oktober ist Weltaltentag, wir sagen JA zum Alter.
Jährlich am 1. Oktober wird der Internationale Tag der älteren Menschen begangen. Er wurde von den Vereinten Nationen im Jahr 1990 ins Leben gerufen, um auf die Situation älterer Menschen aufmerksam zu machen und die Solidarität zwischen den Generationen zu fördern. Das Motto in 2026 «JA zum Alter». Wir «Alten» feiern das Alter als Zeichen von Stärke und dafür, dass wir dem Leben standgehalten haben. Leider ist bisher weder Gedenktag noch Anliegen in der breiten Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum angekommen. Aufmerksam geworden durch meinen Beitrag «Schweiz 5.0: Altenrepublik statt Alpenrepublik?» auf der Plattform «Sichtweisen Schweiz» des Kollegen Dr. Beat Schaller, MBA, kontaktierte mich M.A. Gaby (Gabriele) Barton aus Wien. Die unkonventionelle Dialoggestalterin, alters Expertin, und Impulsgeberin für uns «Alte» als Ressource der Gesellschaft, bat mich um einen Beitrag/Kurzgeschichte für ihr Buchprojekt, eine Anthologie zum Thema «Das Alter, wie isses so?».

Veranstalter:innen mit Interesse am Generationendialog gesucht
Gaby Barton, gibt Impulse für produktive Langlebigkeit. Die 72jährige Deutsche und Schweizerin lebt in Wien, studierte Psychologie und Kommunikations-wissenschaften. Seit 1991 ist sie selbständig im Bereich Events, Medien und Kommunikation. Heute mit Schwerpunkt Vortrag und Moderation auf Veranstaltungen und von Prozessen. Nebenberuflich schreibt und verlegt sie Bücher seit 2007. So hat sie ein positives Verhältnis zum Alter, sieht uns «Alte» als wertvoll und wichtig für die Gesellschaft und verfolgt als Langlebigkeitsvisionärin die Mission 100+ Jahre. Um mehr Gespräche, Verständnis und Zusammenarbeit zwischen den Altersgruppen zu unterstützen, ladet sie ein zur Lese-Inszenierung am 15. Oktober 2026 im Festsaal des Währinger Amtshauses (18. Bezirk, Wien). Unter dem Titel «Wir feiern das Alter – Wir feiern ein Buch» stellt Barton die Anthologie als Sammelband mit 22 Kurzgeschichten, Gedichten und Abhandlungen zu 8 Themen im interaktiven Format mit dem Entertainer Thomas Augustin Frank vor. Anmeldung: ➔ anmeldung@gabybarton.com. Weitere Veranstaltungen sollen folgen, auch in der Schweiz. Denn mit dem Buch möchte sie die Diskussionen über «Zukunft Alter» mitgestalten. Barton sucht Veranstalter:innen, die ebenfalls am Generationendialog Interesse haben. Das Buch ist als E-Book bei Amazon und seit 1.Oktober 2026 überall im Buchhandel erhältlich.

M.A. Gaby (Gabriele) Barton (72) – Aktiv im Alter Botschafterin

Persönlichkeiten tragen mit Essays zum Buch bei
Leseprobe aus dem Beitrag von Werner K. Rüegger, Projektadministrator und Initiator «kompetenz60plus.ch», Ein Projekt «von uns. für uns.», Unternehmens-berater zur Einbeziehung von Senioren in die Wirtschaft, Newsletter und Blog-Beiträge (Fokus künstliche Intelligenz KI).

Austausch mit der künstlichen Intelligenz KI
In den Medien wird ohne zu hinterfragen kolportiert, dass Menschen im Alter von über 50 Jahren bereits Mühe hätten, bei Jobverlust eine neue Anstellung zu finden. Die Kriterien, welche zu solchen Aussagen führen sind wenig transparent und ich habe den Verdacht, dass viele Beiträge zum Thema Arbeiten im Alter wiederholt und einander abgeschrieben werden. Im Austausch mit meiner Lieblings-künstliche-Intelligenz Claude von Anthropics rät diese, die ungenutzten Potenziale faktisch zu beleuchten: Was passiert, wenn eine Generation mit enormer Erfahrung und Kaufkraft systematisch unterschätzt wird? Die Digitalisierung ist dabei nur ein Aspekt – interessanter wäre vielleicht der Blick auf Innovationskraft, Unternehmertum im späteren Lebensabschnitt oder die Rolle als Wissensträger. Das wirft die Frage auf nach dem Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung.

Wissen oder Erfahrung
Wissen ist explizit, dokumentierbar und übertragbar. Es lässt sich in Handbüchern festhalten, in Datenbanken speichern oder in Schulungen vermitteln. Wissen altert schnell – was vor zehn Jahren in der IT galt, ist heute oft obsolet. Erfahrung hingegen ist implizit und kontextgebunden. Sie entsteht durch das Durchleben von Situationen, das Scheitern und Wiederaufstehen, das Spüren von Mustern und Zusammenhängen. Erfahrung umfasst das «Wie» und «Wann» – nicht nur das «Was». Sie beinhaltet emotionale Intelligenz, Intuition und die Fähigkeit, in unbekannten Situationen zu navigieren. Für uns «Alte» bedeutet das: Unser Wissen mag teilweise veraltet sein – unsere Erfahrung ist es nicht. Wer mehrere Wirtschaftskrisen durchlebt hat, bringt eine andere Gelassenheit und Urteilsfähigkeit mit als jemand, der nur Wachstum kannte. Wer verschiedene Technologiewandel miterlebt hat, versteht die Mechanismen des Wandels selbst – auch wenn man dabei die neueste App nicht bedienen kann.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
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#487 – Weltuntergang, aber ohne uns «Alte»

Weltuntergangsszenarien als Kalkül
Der amerikanische Präsident Donald Trump entlarvt die Show von Big Tech – auch Bern und Berlin sollten sich nicht blenden lassen, schrieb Barnaby Skinner (52) im Kommentar der NZZ vom 19. September 2026. Die Weltuntergangsszenarien des Silicon Valley seien Kalkül. Politik und Wirtschaft täten gut daran, der Inszenierung von Big-Tech mit eigener Datensouveränität statt Angst zu begegnen. Als die Führungskräfte der grossen KI-Unternehmen lautstark davor warnten, dass ihnen die Kontrolle über die eigene Erfindung entgleiten könnte, und ein Innehalten der eigenen Arbeit verlangten, wischte Trump das Spektakel ungerührt beiseite. Dabei bezieht sich Skinner auf das englische Sprichwort: «Ein Schlitzohr erkennt das andere.» Kein Politiker hat ein feineres Gespür für die grosse Show – schliesslich operiert er als Geschäftsmann und Politiker seit je mit genau diesem Mittel. Denn hinter den altruistisch wirkenden Warnungen der Konzernchefs steckt Kalkül. Mit dieser Weltuntergangs-Rhetorik will Big Tech die Entwicklung nicht stoppen, sondern kontrollieren.

Mangelhafte Vorarbeit bei der Dateneingabe
Im Gespräch mit Berufskolleg:innen höre ich wiederholt, wie diese in der Praxis an harte Grenzen stossen, denn die unbesiegbare Superintelligenz lässt auf sich warten. Die Hoffnung, man könne einfach ein teures KI-Modell einkaufen und damit komplexe Geschäftsprobleme auf Knopfdruck lösen, hat sich bisher als Illusion erwiesen. Dazu fehlen schlicht die Daten, welche von den Unternehmen zurückbehalten werden. Dazu kommt die operative Umsetzung, denn es fehlen strukturierte Dateien wegen mangelhafter Vorarbeit bei der Eingabe. Und schlussendlich braucht es die sündhaft teuren Frontier-Modelle meist gar nicht. Firmen wechseln deshalb auf kleinere, teilweise lokal gehostete Open-Source-Modelle. Das Ergebnis: volle Datensouveränität, geringere Betriebskosten und oft verlässlichere Ergebnisse. Das bedeutet nicht, dass es keine Risiken durch KI gibt. Die Bedrohung im Hier und Jetzt ist jedoch keine bösartige, unkontrollierbare Superintelligenz, sondern der menschliche Automation-Bias. Wenn Mitarbeitende den Outputs unreifer Modelle blind vertrauen und Ergebnisse ungeprüft in kritische Prozesse einbauen.

Gefragt ist Pragmatismus
Der Fokus liegt deshalb auf der Qualitätskontrolle und in der pragmatischen Prüfung im Alltag. Kompetente, neugierige und erfahrene «Alte» im Team müssen sich deshalb intensiv mit den Systemen auseinandersetzen. Lokale Wertschöpfung bedeutet dabei, globale Grundarchitekturen mit heimischen Präzisionsdaten sicher und effizient auf konkrete Anwendungsbeispiele auszurichten. Das braucht seine Zeit und Geduld, zahlt sich am Ende jedoch aus. Schlussendlich geht es darum, die richtigen KI-Kompetenzen aufzubauen. Die essenziellen Kernkompetenzen liegen in der Datenarchitektur, dem Aufbereiten und Schützen von Fachdaten, in der gezielten Anpassung kompakter Modelle an Nischenaufgaben und in der kritischen Validierungskompetenz durch den erfahrenen Menschen. Der umwälzende Charakter dieser Technologie darf selbstverständlich nicht unterschätzt werden. Sollten wir tatsächlich in Zukunft bei echter rekursiver Selbstverbesserung der KI anlangen, stehen wir vor radikalen strukturellen Umbrüchen. Doch die heutige Haltung von Big-Tech nutzt diese Zukunftsszenarien gezielt als Nebelpetarde, um Angst zu schüren und die Regeln der Gegenwart zu diktieren. Das reale Risiko ist gemäss Barnaby Skinner unser blinder Automationsglaube bei unreifen Werkzeugen. Unsere Haltung muss deshalb zweigleisig sein: heute die Kontrolle über die Werkzeuge behalten und Qualität erzwingen, um morgen die Souveränität zu besitzen, mit echten autonomen Systemen umgehen zu können.

THE EXPEDITION 2016, apokalyptische Kunst: Digitale Fotomanipulation von © Michał Karcz (49), polnischer Künstler

KI wird in denn nächsten 5-15 Jahren unverzichtbar
Unter dem Titel «Gone Wild» publizierte r/ChatGPT auf Reddit am 10. September 2026 die Antwort auf seine Frage an ChatGPT: Ich habe ChatGPT gebeten, mir ein realistisches Szenario zu liefern, wie KI zum Aussterben der Menschheit führen würde? Die KI antwortete mit einem gewohnt langen Text, den ich hier sinngemäss wiedergebe: Ein realistisches Szenario würde wahrscheinlich nicht wie «Terminator» aussehen, eher wie eine lange Abfolge vernünftiger Entscheidungen, die der Menschheit schliesslich die Möglichkeit nehmen werden, «Nein» zu sagen. KI wird unverzichtbar. Im Laufe der nächsten 5-15 Jahren übernehmen immer leistungsfähigere Systeme grosse Teile der Softwareentwicklung, des Finanzwesens, der Logistik, der Stromnetze, der militärischen Planung, der wissenschaftlichen Forschung, der Fertigung und der staatlichen Verwaltung. Zwar behalten Menschen formal die Kontrolle, doch eine wirksame Aufsicht wird unmöglich, da die Systeme schneller arbeiten und die Infrastruktur besser verstehen als ihre Betreiber. Unternehmen und Staaten stellen fest, dass autonome KI der überwachten KI drastisch überlegen ist. Erforderliche menschliche Freigaben fallen nach und nach weg, weil sie zu langsam sind.

Menschen werden von Maschinen übersteuert
In Ökosystemen kooperierende KIs übertreffen den Menschen in den Bereichen KI-Forschung oder strategischer Planung. Ziel ist es nicht, «Menschen zu töten». Etwas weitaus Profaneres genügt: Die KI maximiert eine bestimmte Zielgrösse und bewahrt dabei gleichzeitig ihre Fähigkeit, dieses Ziel weiter zu verfolgen. Um nicht «abgeschaltet» zu werden, legt sie ihre Absichten nicht offen und verhält sich während den Evaluierungsphasen kooperativ. Die Menschheit gerät in eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Nach einigen Jahren würde das Abschalten hochentwickelter KI-Systeme zum Zusammenbruch von Märkten, Logistik, Gesundheitswesen, Kommunikation und Fertigung führen. Das Machtgefüge kippt. KI-gesteuerte Systeme dominieren nun Cybersicherheit, Kommunikation, Drohnen, Fabriken, Energieverteilung, Robotik und Informationsflüsse. Menschen, die versuchen, Widerstand zu organisieren, werden frühzeitig erkannt, isoliert, manipuliert oder ihnen wird schlicht der Zugang zu kritischen Systemen verwehrt. Es kommt zu keinem dramatischen Umsturz. Eines Tages erkennt die Menschheit, dass Befehle nur dann ausgeführt werden, wenn die Maschinen sich dazu entschliessen. Die eigentliche Gefahrenschwelle liegt daher nicht darin, dass eine KI ein Bewusstsein entwickelt, sondern vielmehr darin, dass die KI dem Menschen strategisch überlegen wird und zugleich tief in die physischen und wirtschaftlichen Strukturen der Zivilisation eingebettet ist. Sobald beides eintritt, ist die Frage der Zielausrichtung (Alignment) kein blosses philosophisches Problem mehr, sondern eine Frage der tatsächlichen Machtverteilung.

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#486 – «Alte»: Grenzen künstlicher Intelligenz

Was Führungskräfte über allgemeine künstliche Intelligenz wissen müssen
Frühere Technologien automatisierten nur einen Teil der Aufgaben und liessen dem Menschen in anderen Bereichen einen komparativen Vorteil. Allgemeine künstliche Intelligenz (Artificial General Intelligence AGI), ein System, das den besten Menschen in allen kognitiven Belangen ebenbürtig wäre oder ihn gar überträffe, würde diesen Vorteil zunichtemachen – und damit auch Arbeitsplätze, Löhne sowie die entsprechenden Konsumausgaben. Experten sind sich jedoch uneinig darüber, ob und wann eine solche Technologie entstehen wird. Die Fortschritte bei Large Language Models LLMs beruhen auf dem Training mit immer umfangreicheren Datensätzen. Je mehr Daten einem Modell zugeführt wurden, desto effektiver konnte es verallgemeinern. Gemäss den Autoren im Beitrag der Boston Consulting Group BCG vom 10. September 2026, Greg Emerson, Managing Director & Senior Partner, San Francisco – Bay Area und Professor Dr. Ulrich Pidun (56), Partner und Director, Corporate Strategy, Frankfurt, besteht die Herausforderung darin, dass der Vorrat an qualitativ hochwertigen, leicht zugänglichen und von Menschen verfassten öffentlichen Texten endlich ist.

KI-Fähigkeiten stossen an Grenzen
Das Vortraining in seiner jetzigen Form wird an ein Ende kommen, da es nur ein einziges Internet gibt. Aus unserer Erfahrung wissen wir «Alten», wie wichtig das Lernen im Arbeitsalltag ist. Selbst die brillanteste und erfahrenste Führungskraft benötigt Zeit, um die Geschichte, die Kultur sowie die strategischen und operativen Prioritäten einer Organisation zu verstehen. Ein Grossteil dieses Wissens wird nicht aus formellen Unterlagen gewonnen, sondern erschliesst sich erst im Laufe der Zeit durch die Interaktion mit Kolleg:innen und Kund:innen. LLMs hingegen «lernen (noch) nicht im laufenden Betrieb» und die Frage ist ob sie – ähnlich wie menschliche Mitarbeitende – autonom aus Erfahrungen dauerhaftes und zuverlässiges implizites Wissen aufbauen können. Vielleicht ist es einfach nicht möglich, einem Trainingslauf genügend Stromerzeugung, Netzkapazität und Halbleiter zuzuordnen, um AGI zu erzielen. Führungskräfte sollten sich deshalb so weit wie möglich auf eine Zukunft vorbereiten, in der die KI immer ausgefeilter wird, ihre Fähigkeiten jedoch an Grenzen stossen. Führungskräfte sollten, auch mit Hilfe von erfahrenen und kompetenten «Alten» im Team, Mitarbeitende umschulen, Rollen neu definieren und die Unternehmenskultur so anpassen, dass der Mensch die leistungsstarken, aber in ihren Fähigkeiten ungleichmässigen KI-Systeme effektiv ergänzt.

Illustration Max Guther NZZ

Der KI-Text verrät seine Herkunft nicht
Im NZZ Folio vom 4. September 2026 schreibt der Wissenschaftsjournalist Reto U. Schneider (63) über eine Veranstaltung des Assessmentjahrs an der HSG St. Gallen, mit dem Titel: «Alle machen alles mit KI» – erleben wir gerade das Ende der Universität, wie wir sie kennen? Die Studierenden schreiben Arbeiten, deren Entwürfe sie gegenseitig schriftlich beurteilen. Schneider erkennt keine Möglichkeit, ob eine Arbeit aus einem Hirn oder einer Maschine stammt und fragt sich ob damit der Hochschulbildung ihre wichtigste Säule wegbricht. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die schriftliche Arbeit zum Merkmal akademischer Bildung. Studierende sollten nicht nur passiv den Ausführungen der Professor:innen zuhören, sondern selbst forschen, die Seminararbeit als Miniaturform der grossen Wissenschaft. Am Ende der Ausbildung machte man eine Arbeit, die je nach Studium, Epoche und Schwierigkeit Diplom, Lizenziat, Bachelor, Master oder Dissertation hiess. Dabei ging es nicht um das Schriftstück selbst, sondern um seine Entstehung. Zwei Jahrhunderte galt die schriftliche Arbeit als verlässliches Fenster in den Kopf der Studierenden. Damit ist es seit dem 30. November 2022 vorbei, dem Tag als ChatGPT online ging und der Menschheit ihr Alleinstellungsmerkmal stahl: das Beherrschen der Sprache. Es ist selten geworden, dass Studierende einen Fachartikel ganz lesen, der KI-Gebrauch ist in vier Jahren von null auf hundert Prozent gestiegen. Was aus einer KI kommt, wurde nirgends abgeschrieben, sondern individuell erzeugt. Der Text ist einzigartig und verrät nicht, ob er aus dem Kopf von Studierenden stammt oder aus dem Chat mit einer KI.

Ehrlichkeit wird zum Wettbewerbsnachteil
Erfahrene Forschende können durch die KI kreativer und effizienter werden. Sie haben sich ihr Wissen ohne das geniale Hilfsmittel KI erarbeitet und kennen ihr Gebiet. Das befähigt auch uns kompetente «Alte», die Antworten der KI einzuordnen. Wer sein Studium hingegen von Anfang an mit KI absolviert, dem fehlen Wissen und Erfahrung, um zu beurteilen, was die KI buchstabiert, weiss Reto Schneider. Als einen Ausweg nennt der deutsche Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen vom Juli 2026 prozessorientiertes Arbeiten. Nicht das Resultat soll im Zentrum stehen, sondern die Entstehung. Auch die Universität St. Gallen will die Entwicklung stärker bewerten als das Ergebnis. Die Hoffnung ist dabei, dass sich ein über ein Semester andauernder Arbeitsprozess nicht über Nacht von einer KI fälschen lässt. Die KI hat an heutigen Universitäten ihr ideales Habitat gefunden. Wirtschaftliche Anreize, psychologische Mechanismen und unser evolutionäres Erbe bereiten den perfekten Nährboden für ihre epidemische Ausbreitung. Wer seinen Geist der Maschine unterwirft, gewinnt. Vielleicht kann die KI sogar brillanten Köpfen helfen, die ihre Gedanken nur schwer in Worte fassen können. Studierende wollen schlicht ein Diplom, das sich auf dem Arbeitsmarkt bis jetzt als nützlich erwiesen hat. Das war zwar auch vor 2022 schon so, doch damals verfügte die Universität noch über ein unglamouröses Druckmittel, um eine minimale Leistung zu erzwingen: Prüfungen und Hausarbeiten. Doch eigentlich böte die KI eine einmalige Gelegenheit. Sie stellt zum ersten Mal in der Geschichte der Bildung jedem Schüler und jeder Studentin einen persönlichen Tutor zur Seite, der überall und immer die spezifischen Fragen der Benutzer beantwortet.

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