Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#475 – Wir «Alten» und die Stempeluhr

Zeit kontra Produktivität
Ende der 1980er Jahre übersiedelten meine Frau und ich von den USA in die Schweiz, nach Bern wo eine neue Aufgabe auf mich wartete. In der ersten Woche traf ich in der Einstellhalle unseres Bürogebäudes einen meiner Abteilungsleiterkollegen und wollte mit ihm ins Gespräch kommen. Eilig lief er voraus und war erst nach dem Registrieren seiner Zeiterfassungskarte an der Stempeluhr bereit, auf meine Fragen einzugehen. Präsenzzeit hat Vorrang gegenüber Problemlösung. Unter dem Titel «Keynes, KI und die Stempeluhr: Kommt nun die 15-Stunden-Woche?» schrieb Jürg Müller (42), Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse, im Gastkommentar der NZZ am Sonntag vom 14. Juni 2026, wie der britische Grossmeister der Ökonomie John Maynard Keynes (1883-1946) mit seinen Vorhersagen zur Reduktion der Erwerbstätigkeit falsch lag. Die künstliche Intelligenz KI könnte diese Prophezeiung nun aber vollenden. Keynes wagte 1930 seine Prognose 100 Jahre in die Zukunft, wonach sich unser Lebensstandard vervier- bis verachtfachen wird, mit immer weniger Arbeitsaufwand. Nach fast 100 Jahren liegt das reale Pro-Kopf-Einkommen der Schweiz heute rund sechsmal so hoch wie 1930. Keynes voraussage der wöchentlichen Arbeitszeit ist mit rund 35 Stunden jedoch weit entfernt von den prognostizierten 15 Stunden. Wer Keynes allein an der Stempeluhr misst, übersieht jedoch, wo sich die eigentliche Revolution abgespielt hat: nicht in der Arbeitswoche, sondern in unserem Lebenslauf. Viele von uns, vor allem Frauen, leisten auch Arbeit die in keiner Stempeluhr auftauchen würde.

Präsentismus
In Kulturen mit Kontrollmentalität wird Anwesenheit mit Leistung verwechselt. Je mehr Stunden Arbeit, desto wertvoller das Ergebnis. Doch Zeit und Produktivität korrelieren nur bis zu einem gewissen Punkt. Studien zur Arbeitszeit zeigen: Nach etwa 6-8 Stunden konzentrierter Arbeit sinkt der Output pro Stunde spürbar. Mehr Anwesenheit heisst nicht automatisch mehr Ergebnis – ab einem gewissen Punkt sogar das Gegenteil, weil Fehlerquote und Erschöpfung steigen. Ein typischer Denkfehler ist, die Lernkurven zu ignorieren: Zeit, die in Klärung, Organisation oder Mentoring fliesst, wird oft als «unproduktiv» abgebucht, obwohl sie spätere Fehler verhindert. Die Erfahrung von uns «Alten» wird als Kostenfaktor und nicht als Zeitersparnis begriffen. Erfahrene «Alte» lösen ein Problem oft in einem Bruchteil der Zeit ihrer Junior-Kolleg:innen – weil sie Fallstricke im Voraus erkennen, die andere erst durch Ausprobieren finden. Zeit investiert in Erfahrung zahlt sich also indirekt in späterer Produktivität aus, auch wenn sie sich nicht in Anwesenheitsstunden messen lässt.

Sommer 2026 nähe Bahnhofstrasse Zürich. Bild: WKR

Was machen wir mit der gewonnenen Zeit?
Im Gegensatz zu 1930, studieren heute viele Menschen zunächst und treten erst mit über 25 Jahren ins Erwerbsleben ein. In Rente geht es zudem meist mit 65, wobei heute Zwanzigjährige damit rechnen dürfen, rund 90 Jahre alt zu werden. Am Anfang wie am Ende des Lebens sind dies deutlich mehr Jahre ohne Erwerbsarbeit. Über die gesamte Lebenszeit gerechnet resultieren damit noch rund 20 Stunden pro Woche. Was heisst das nun für unsere Zeit, in der die künstliche Intelligenz KI den nächsten Technologieschub verspricht? Verschiedene Stimmen aus den USA wecken Erinnerungen an Keynes vor hundert Jahren. Jamie Dimon, CEO der Grossbank JP Morgan, prophezeit unseren Kindern die Dreieinhalbtagewoche. Und der Unternehmer Elon Musk sieht gar den Punkt kommen, an dem «kein Job mehr nötig» sei. In der Schweiz hat sich die Arbeitszeit über das Leben gerechnet bereits stark reduziert – wenn auch nicht im exakten Umfang von Keynes. Beschleunigt KI diesen Prozess weiter, stellt sich vermehrt jene Frage, der sich Keynes im selben Essay ebenfalls widmete: Wie geht der Mensch mit dem Wegfall ökonomischer Notwendigkeiten um? Jürg Müller plädiert für mehr Musse, Zeit ohne vorprogrammierte Aktivitäten. In der NZZ am Sonntag vom 12. Juli 2026, unter dem Titel «Endlich Sommerferien – füllen wir sie nicht mit Aktivitäten und Strebsamkeit» zitierte er den Entertainer Harald Juhnke: «Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.» Anspruchsvoll ist, einfach einmal nichts zu tun: die eigene Rastlosigkeit zu erleben, aber nicht auszuleben. Die Kunst des leeren Nachmittags besteht also darin, ihn nicht mit Tätigkeiten und Strebsamkeit, sondern mit sich selbst zu füllen. Also die freie Zeit nicht zu nutzen, sondern einfach in ihr zu sein.

Wenn KI die Weiterbildung in Frage stellt
Wenn die KI in Sekunden erledigt, womit die Junioren sich früher die Sporen abverdienten und sich branchenspezifisches Grundwissen aneigneten, führt das zu einer gefährlichen Entwicklung: Der Organisationsforscher Hans Rusinek (37) von der Hochschule St. Gallen, warnt davor, dass Unternehmen ihre eigene Nachwuchs-Pipeline der kurzfristigen Effizienz opferten. Unter dem Titel: «Die verbaute Treppe: Macht KI die Gen Z zur neuen verlorenen Generation?» Sehen Nicole Althaus (58) und Patrizia Messmer (31) in der NZZ am Sonntag vom 5. Juli 2026, viel weniger Einstiegsjobs, viel mehr junge IV-Rentner und fragen sich ob die Generation Z aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden droht, bevor sie überhaupt richtig angekommen ist. Wer keine Juniors einstellt, wird die Seniors immer von aussen rekrutieren müssen. Für die Jungen aber fällt mit den Einstiegsjobs die traditionelle «Treppe» in den Beruf weg. «Im Grunde hängt der Markt schief», sagt Rusinek. «Die Unternehmen sind angesichts von KI je länger je weniger bereit, ihren Angestellten die Fähigkeiten beizubringen, die für die späteren Positionen verlangt werden. Und die es auch für Innovationen braucht.» Davon betroffen sind nach der grossen Akademisierungswelle der letzten zwei Jahrzehnte viele. In der Schweiz besitzt heute jede zweite Person unter 35 einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsbildung. Zunächst einmal hat die Emanzipation dafür gesorgt, dass die Frauen zahlenmässig an den Universitäten nicht nur aufgeholt, sondern die Männer sogar überholt haben. Dann ist die hohe Hochschulquote auch der Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems geschuldet. Vorab aber hat die Akademisierung ökonomische Gründe: Tertiäre Abschlüsse galten bisher als Gehalts-Booster.

Praktische Erfahrung schlägt Akademia
In Echtzeit kann man heute beobachten, wie KI das verändert: Gemäss einer Umfrage einer Recruiting-Firma wertet in den USA bereits jeder vierte Arbeitgeber bei Bewerbungen praktische Erfahrung höher als einen Bachelor-Abschluss. Natürlich werden tertiäre Abschlüsse für Mediziner und Richterinnen, für Ingenieure und Biochemikerinnen nicht so bald obsolet. Doch gemäss Rusinek wissen die Jungen durchaus, woher der Wind weht: «Studierende haben heute vermehrt den Anspruch, im Studium auch praktische Kompetenzen zu erwerben.» Von Kollegen in Deutschland habe er gehört, dass bei KI-exponierten Studiengängen die Bewerbungszahlen bereits sänken. Auch wenn Prognosen im Zusammenhang mit KI einem Kaffeesatzlesen gleichkommen, ist Monika Bütler (64), Ökonomin und Honorarprofessorin für Wirtschaftspolitik in St. Gallen zuversichtlich, dass die Gesellschaft sich an die neu gesuchten Berufsprofile im Markt anpassen werde. Wir «Alten», mit unserem Hintergrund, unserer Kompetenz und Erfahrung müssen uns, im Team mit den Jungen, in diesen Prozess aktiv einbringen. Doch eines glaubt Bütler mit ziemlicher Sicherheit voraussagen zu können: «Die Einkommensverteilung wird teilweise auf den Kopf gestellt. Für Politik und Gesellschaft bedeutet das eine grosse Herausforderung.» Die Löhne von vielen Handwerkern etwa, das zeige sich in angelsächsischen Ländern bereits, schlössen zu den Gehältern von Akademikern auf. «Die künstliche Intelligenz KI», so Bütler, «hat Bildung als Garant für ein hohes Ansehen und Gehalt infrage gestellt.»

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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