Blog, Industrie 4.0

#435 – Einzigartige und kompetente «Alte»

Kompetente «Alte»: Tradition und Transformation gleichermassen verbinden
Die Aufregung um die hohen Zölle für schweizer Exportgüter, zeigt unter Anderem auch eine unserer Eigenheiten. Man wartet erst einmal ab und reagiert dann, meist zu spät, auf die Realität und ärgert sich umso mehr über das Resultat. Ähnliche Zurückhaltung stellt man beim Nutzen von künstlicher Intelligenz in der Digitalisierung fest. Diese wird in vielen Kleinbetrieben zu Unrecht vernachlässigt. In der sich rasant wandelnden Geschäftswelt sind Führungspersönlichkeiten, die Tradition und Transformation gleichermassen verbinden, selten. Kompetente «Alte» in gemischten Teams wären dank ihrem Netzwerk dazu prädestiniert, Lösungen zu Technologie, Nachhaltigkeit und interdisziplinäre Kooperation voranzubringen. Wir «Alten» sind krisenerprobt, haben persönliche Karriereziele meist schon erreicht und beobachten mit neutraler Aussensicht die Konkurrenz. Die Erfahrung hat uns gelehrt, wie KI, Robotik, ESG {das Rahmenwerk zur Bewertung der Nachhaltigkeit und ethischen Praktiken) und neue Geschäftsmodelle eine Branche verändern – und wie sich die Schweiz in dieser Transformation positionieren kann.

Ich bin nicht gegen künstliche Intelligenz, aber sie macht uns faul. Denken ist anstrengend, und man muss sich bewusst dafür entscheiden.
Petra Volpe (55), italienisch-schweizerische Drehbuchautorin und Regisseurin.

Kein Fortschritt ohne Mentalitätswandel
Alternde Infrastrukturen, immer strengere Regulierungen und ein Mangel an qualifizierten Fachkräften bleiben zentrale Hürden im Erneuerungsprozess. Doch die vielleicht entscheidendste Herausforderung ist der Mindset. Viele Beteiligte – von Entscheidungsträgern bis zu den Teams vor Ort – zögern immer noch, digitale Werkzeuge konsequent einzusetzen, neue Prozesse zu adaptieren oder lang etablierte Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Diese kulturelle Trägheit bremst den Fortschritt und schmälert den Einfluss von Innovationen. Ohne einen grundlegenden Mentalitätswandel werden selbst modernste Technologien ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen. Führungsstärke beweist sich durch Förderung von Offenheit für Veränderungen um alle Stakeholder auf eine gemeinsame Vision der Modernisierung einzuschwören.

Thomas Schütte (70), deutscher Bildhauer und Zeichner: Ich bin nicht allein | Casablanca Filmkunsttheater 2023

Einzigartigkeit als Vorteil
Künstliche Intelligenz wird grundlegend verändern, wie wir Projekte planen, konzipieren und steuern – von der Optimierung der Design-Workflows bis hin zur Vorhersage von möglichen Projektrisiken. In Kombination mit Robotik und Automatisierung kann KI helfen, den Fachkräftemangel zu überbrücken. Der Einsatz neuer Materialien, die aktiv zur Erreichung von Klimazielen beitragen, hilft Unternehmen, welche diese Innovationen strategisch integrieren und nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, einen klaren Wettbewerbsvorteil zu sichern. Echte Transformation beginnt nicht mit Software, sondern mit Vision, Neugier und dem Mut, das Mögliche neu zu denken. Als kleines Land müssen wir die Einzigartigkeit unserer Erzeugnisse zum Vorteil weiter entwickeln. Wir «Alten» müssen bestrebt sein, die Brücke zwischen Technologie und Menschen zu schlagen und Innovation in greifbaren Mehrwert übersetzen. Um Innovationen zu fördern, müssen Organisationssilos aufgebrochen werden. Unternehmen, die Talententwicklung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und agile Innovation verbinden, werden im nächsten Jahrzehnt die Nase vorn haben. Entscheidend ist nicht das Alter der Mitglieder in gemischten Teams, sondern der Wille zum lebenslangen Lernen und eine unermüdliche Neugier. KI und Robotik werden menschliche Intelligenz oder Kreativität nicht ersetzen. Aber sie werden diejenigen stärken, die bereit sind, sich anzupassen, zu lernen und zu führen.
(Adaptiert aus dem Beitrag von Stefan Cadosch (61) unter dem Titel «Innovation an der Schnittstelle von Ingenieurwesen, Architektur und Technologie vorantreiben» auf Innoqube Insights vom August 2025.)

Aus der Praxis: Wer auffindbar ist, gewinnt
Der Beitrag von Jürg Zulliger, NZZ vom 4. August 2025, hat es in sich. Unter dem Titel: «Homegate, Immoscout24 und Co. unter Druck: Künstliche Intelligenz verändert die Wohnungssuche in der Schweiz» verweist er auf die schweizerische Eigenart: Abwarten und sehen was passiert. Die Immobilienportale wie Homegate und Immoscout24 verzeichnen gemäss dem Digitalisierungsexperten Heinz Schwyter und dem Analyse-Tool Similarweb rückläufige Besucherzahlen. Wie Zulliger weiss, beginnt für viele Menschen die Immobiliensuche heute nicht mehr auf Homegate oder Immoscout24 – sondern mit einem Chatbot. Wer sich von Systemen wie ChatGPT oder Perplexity unterstützen lässt, erhält nicht bloss eine Liste von Inseraten, sondern auch eine vorgefilterte Auswahl: eine 3-Zimmer-Wohnung in Zürich Nord, unter 2000 Franken Miete, mit Balkon? Der CEO Rainer Jöhl von Remax, mit 250 Maklern in der ganzen Schweiz, spricht von einer «fundamentalen Veränderung»: Junge Menschen suchten immer häufiger mit Sprachmodellen. Statt sich durch eine Vielzahl von Websites zu klicken, schauen sich viele Nutzer zuerst die von ChatGPT, Gemini oder Perplexity generierte KI-Übersicht an.

Abschottung zahlt sich nicht aus
«Wenn KI-Systeme künftig direkt auf die Websites von Maklern und Bewirtschaftern zugreifen, müssen diese ihre Angebote entsprechend gestalten und aktuell verfügbar halten», sagt Jan Eckert, CEO des Immobiliendienstleisters JLL Schweiz. Es sei gut möglich, dass ChatGPT oder andere KI-gestützte Systeme künftig die Rolle klassischer Immobilienplattformen übernähmen. Obwohl sich die Technologie rasant weiter entwickelt, halten viele Vermarkter an den bekannten Portalen fest. Man wartet ab und zweifelt, bis es dann doch zu spät ist. Obwohl Inhalte oft innerhalb weniger Stunden anderswo kostenlos erscheinen, versteckt sich auch die Online-Presse zunehmend hinter Log-ins und erhofft sich damit einen Schutz vor «unbezahlten» Zugriffen. Damit wird die KI vermehrt auf offene Quellen und Direktangebote von Maklern ausweichen, welche ihre gut strukturierten und für KI lesbare Darstellungen der Immobilienangebote auf der eigenen Website pflegen. «Die Nutzer lernen schnell», sagt Jan Eckert. «Wenn sich das Verhalten ändert, wird auch die Rolle der Plattformen neu definiert. Die Branche steht mitten in dieser Transformation.»

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#416 – Demokratie im Zeitalter von Robotik

Demokratie im Zeitalter der Robotik bietet Chancen und Herausforderungen zugleich. Robotik und künstliche Intelligenz KI können demokratische Prozesse durch mehr Partizipation, Effizienz und datenbasierte Entscheidungsfindung verbessern, bergen aber auch Risiken wie algorithmische Verzerrung, Desinformation und Vertrauensverlust der Bürger.

Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform – mit Ausnahme von all den anderen Regierungsformen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.

Sir Winston Churchill (1874-1965) © 2025 Demokratiegeschichten.

Eine zutreffende Analyse
Mit Blick auf die Demokratie, die Churchill gegen eine ihrer grössten Bedrohungen im 20. Jahrhundert zu verteidigen half, fällt vielen Menschen zuerst obiges Zitat ein. Es ist wohl einer seiner berühmtesten Aussprüche überhaupt und auch in Demokratie-Zitate-Rankings ist es meist oben mit dabei. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass seine Einschätzung genau ins Schwarze trifft. Denn Churchill möchte sich damit keineswegs als Hellseher profilieren, der die Demokratie über alles stellt – auch über Formen der Herrschaft, die noch kommen und wir uns jetzt eventuell noch überhaupt nicht vorstellen können. Aber der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass die Demokratie von allen bisherigen (!) Staatsformen am Ende des Tages eben doch die beste ist. Dieser zentrale Gedanke geht manchmal unter, wenn dieses Churchill-Zitat verkürzt wiedergegeben wird.

Roboter können (noch) nicht wählen
Die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung beschleunigten die Globalisierung, das Wachstum des Wohlstands und den Abbau einfacher Jobs in der westlichen Industrie. Diese werden nie mehr zurückkommen – egal wie protektionistisch ein Land ist, schrieb «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Beat Balzli im Editorial vom 20. April 2025 unter dem Titel «Roboter können übrigens keinen US-Präsidenten wiederwählen». Auf Grund von US-Importzöllen werden zwar ein paar Fabriken zurückkommen, aber nicht die versprochenen Jobs für die einfachen Leute. Industrielle Fertigung in Hochlohnländern heisst heute Automatisierung. Neue Jobs gibt’s nur für wenige Spezialisten. Wer im globalen Strukturwandel überleben will, braucht deshalb einen Rohstoff: Bildung – und nicht Öl. Flexible Fachkräfte, die verschiedene Berufslehren und Weiterbildungen hinter sich haben. Erfahrene, gelassene und weise «Alte», im Team mit den «jungen Wilden». Dem ungebildeten Rest schnappen nicht Migranten die neuen Stellen weg, sondern die Roboter. Sie werden die einzigen Profiteure dieser Politik sein – können aber in vier Jahren nicht wählen.

Robert Seamans Roboterzählung: Datenerfassung zur Verbesserung der Politikgestaltung im Bereich neuer Technologien, Brookings Institution 2021, Bild: © shutterstock

Die Zukunft, die plötzlich über uns hereinbricht
Wir «Alten» wissen zwar, wie neue Entwicklungen auf alten Erkenntnissen basieren. Aber die Glühbirne ist keine Weiterentwicklung der Kerze, schon 1801 war dies eine disruptive Entwicklung. In seinem Beitrag in Architecture Magazine – Technology 2024, schrieb Blaine Brownell, wie künstliche Intelligenz KI unsere neue Realität schneller als erwartet gestaltet. Werkzeuge wie ChatGPT und Copilot, welche erste Anwender für allgemeine Aufgaben wie das Umformulieren von E-Mails oder das Zusammenfassen von Sitzungsprotokollen verwenden, werden inzwischen mit wenig Vorwarnung durch eine schnell wachsende Zahl fach- und aufgabenspezifischer KI-Werkzeuge ergänzt. Die Zukunft, die schneller gekommen ist als die meisten erwartet hatten – mit erheblichen Konsequenzen in allen Branchen. Es ist üblich, dass Erstbenutzer auf die Fähigkeiten dieser Apps mit Misstrauen, Begeisterung oder Beklommenheit reagieren. Bald folgen Fragen zu den sich schnell verändernden Rollen von Fachkräften und der Art von Dienstleistungen. In der Zwischenzeit lautet der vorherrschende Rat, einzutauchen und experimentieren, denn je besser wir die Fähigkeiten dieser Apps verstehen, desto besser können auch wir «Alten» uns auf eine Zukunft vorbereiten, die plötzlich über uns hereinbricht.

Künstliche Intelligenz KI und Robotik
Im Interview mit Marie-Astrid Langer, San Francisco NZZ vom 21. Dezember 2024, beschreibt die Schweizerin Franziska Bossart, wie sie für Amazon eine Milliarde Dollar in Robotik- und KI-Startups weltweit investiert. Bossart ist die einzige europäische Direktorin in der Unternehmensentwicklung des Konzerns mit 1,4 Millionen Mitarbeitenden. Text, Video, Stimmen – generative KI kann alles und verändert alles. Nun kommt der Wandel in der physischen Welt an: Seit 2004 zeichnen sich bahnbrechende Durchbrüche in der Robotik ab. Fortschritte bei den sogenannten Vision-Language-Action-Models. Diese kombinieren alle bisherigen KI-Errungenschaften bei Text, Bild und Videos. Bossart kann deshalb zu einem Roboter sagen: «Gib mir etwas zu essen!» Dieser schaut sich in seiner Umgebung um, erkennt, was für Menschen essbar ist, und reicht es ihr dank guter Feinmotorik. Seine Entscheidung erklärt er ihr in natürlicher Sprache (mittlerweile sind es über hundert Sprachen und Dialekte). Dabei handelt es sich um echte Durchbrüche für die Robotik – mit enormen Auswirkungen. Mit diesen Fortschritten ist die Bay Area von San Francisco das Zentrum schlechthin, zusammen mit wichtigen Industriepartnern. Googles Forschungslabor Deep Mind für praktische Anwendungen etwa, oder das neue KI-Lab von Amazon, das sich auf physischen Anwendungen von generativer KI konzentriert. Der grösste Unterschied zu Europa ist dabei die Denkweise. Das visionäre Denken eines Silicon Valley fehlt uns Europäern. Auch wir «Alten» sind skeptisch und eher zurückhaltend, trotz sichtbaren Vorteilen.

Information Age, London, Nick Ismail, 2017 Bild: AdobeStock

Maschinen schaffen ein Spektrum an Regeln und Strategien
Briana Brownell, kanadische Datenwissenschaftlerin, Technologieunternehmerin und Vorstandsmitglied, erklärt in ihrer Präsentation vom März 2021 auf TED-Ed, mit dem Titel «Wie lernt künstliche Intelligenz?» die drei grundlegenden Prinzipien nach denen Maschinen forschen, verhandeln und kommunizieren. Als Gründerin und CEO von Pure Strategy Inc. bietet sie Technologieteams auf der ganzen Welt fachkundige Beratung und Schulung an und hilft ihnen dabei, Modelle zu erstellen, Daten zu verwalten und ihre Unternehmen mithilfe der neuesten KI- und maschinellen Lerntechnologien umzugestalten. Heute hilft künstliche Intelligenz Ärzten bei Diagnosen, Piloten im Cockpit von Flugzeugen und Stadtplanern bei Verkehrsprognosen. Doch wie genau lernen diese Programme und verstehen die Entwickler deren Systematik noch? Denn KI-Systeme lernen oft selbstständig, indem sie einfache Anweisungen befolgen und so ein einzigartiges Spektrum an Regeln und Strategien schaffen. Die aussichtsreichsten Modelle imitieren die Interaktion von Neuronen im Gehirn. Diese künstlichen Netzwerke nutzen Millionen Verbindungen zur Bewältigung schwerer Aufgaben wie Bild- oder Spracherkennung und sogar Übersetzungen. Forscher versuchen, maschinelles Lernen transparenter zu machen, denn KI wird zunehmend in den Alltag integriert. Dabei steigt der Einfluss dieser rätselhaften Prozesse auf unsere Gesellschaft, Arbeit, Gesundheit und Sicherheit. Maschinen können also immer besser forschen, verhandeln und kommunizieren — und wir müssen uns überlegen, wie wir ihnen — und sie sich — ethisches Handeln beibringen. Erfahrene und kompetente «Alte» im Team spielen dabei eine Schlüsselrolle.

«Captchas» und das Ende einer Ära
«Ich bin kein Roboter»: Warum es immer schwieriger wird, diese simple Tatsache zu beweisen, schrieb Ruth Fulterer in der NZZ vom 3. April 2025. Klicke die Ampeln an! Verschiebe das Puzzlestück! Diese kleinen Tests im Internet können einen zur Verzweiflung bringen. Doch ohne sie wären wir aufgeschmissen. Jetzt droht der Untergang der sogenannten Captchas und damit das Ende einer Ära. Es ist eine ganz besondere Frustration, neu- und einzigartig für unsere Zeit. Die Frustration, einem Computer beweisen zu müssen, dass man ein Mensch ist – und daran zu scheitern. Die Tests wurden nötig, als Menschen begannen, das Internet zu missbrauchen – also kurz nach dessen Einführung. Heute verbringe die Menschheit jeden Tag zusammengerechnet 500 Jahre damit, Captchas zu lösen, schätzt die Sicherheitsfirma Cloudflare. Captcha ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von «Completely Automated Public Turing Test to Tell Computers and Humans Apart,» zu Deutsch: komplett automatisierter öffentlicher Turing-Test, um Computer und Menschen auseinanderzuhalten. Der Informatiker Manuel Blum hat sich 2002 die Abkürzung ausgedacht, in Anlehnung an das Englische «Hab ich dich!»: «Gotcha!» Blum leitete eine Forschungsgruppe an der amerikanischen Carnegie-Mellon-Universität. Bei ihm lernte der begabte Doktoratsstudent Luis von Ahn.

Unser Verhalten identifiziert uns als Menschen
Van Ahn hat ein Talent dafür, Mühsames und Spiel zu etwas Nützlichem zu verbinden und zum Captcha-Problem hatte er eine geniale Idee, schrieb Ruth Fultener weiter. Um die künstliche Intelligenz KI zu trainieren scannten Zeitungsverlage ihre Archive ein, Google ganze Bibliotheken. Die Herausforderung dabei: Etwa jedes fünfte Wort der gescannten Dokumente war für die Computer nicht zu entziffern, wegen schlechten Drucks oder Verzerrungen. Könnte man nicht diese Wörter als Captchas ausspielen, so dass Menschen sie abtippten? Wenn genug Menschen in Gratisarbeit dieses maschinell unlesbare Wort abgetippt haben, kann man es als «entziffert» abspeichern. 2010 wurden jeden Tag 100 Millionen solcher Captchas angezeigt – und so täglich mehr als 150 Bücher digitalisiert. Ab 2012 begann Google damit, Bilder-Captchas auszuspielen. Anfangs waren das Fotos von Hausnummern und Strassennamen von Google Street View. 2014 begann eine neue Ära, Bilder aus dem Strassenverkehr, in neun Quadrate unterteilt, auf denen man Velos, Busse, Ampeln oder Zebrastreifen anklicken muss. Damit wird es möglich, Daten darüber zu sammeln, was ein Velo ist und wie ein Zebrastreifen aussieht. Schliesslich ging man bei der Digitalisierung von Bibliotheken genau so vor, ausserdem baut Googles Mutterkonzern selbstfahrende Autos, denen man beibringen muss, sich im Verkehr zurechtzufinden. Captchas der neuesten Generation wie zum Beispiel der Hund, den man mit Pfeilchen so ausrichten muss, dass er in eine bestimmte Richtung schaut, zielen darauf ab, unsere Mausbewegungen zu analysieren und uns als Menschen zu identifizieren.

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#413 – «Alte»: Die Zeugen kreativer Zerstörung

«Schnell handeln und Dinge kaputt machen»

Es herrscht immer noch die weit verbreitete Überzeugung, dass wir entweder Fortschritte machen oder uns umeinander kümmern können, entweder das eine oder das andere. Ein gewisses Mass an Zerstörung ist der Preis, den wir für die Gestaltung der Zukunft zahlen müssen.
Anne Morriss, TED2023 • April 2023

Fünfzig Jahre Personal Computer PC
Die ersten Personal Computer kamen in den frühen 1970er Jahren auf den Markt. Der Altair 8800 (1975) mit 1,44 MB Diskettenlaufwerk (Floppy disk) ersetzte den ehemaligen 256 Byte Magnetkernspeicher (1954 bis 1975) und wird oft als der erste PC bezeichnet, gefolgt vom Apple II, dem Commodore PET und dem TRS-80 im Jahr 1977, die als die «Dreifaltigkeit von 1977» gelten. Anders als im damaligen Alltag, ist für uns heutige «Alten» die Ignoranz oder das «Aussitzen» digitaler Technologien keine Option mehr. Zu sehr durchdringt sie unser Leben auf allen Ebenen. Vielmehr müssen wir offen für Veränderungen sein, uns weiterbilden, uns informieren, neugierig sein und unsere persönliche Erfahrung leben. Gelassen und Selbstsicher nutzen wir eine grosse Auswahl an Applikationen, wovon viele mittels künstlicher Intelligenz KI unser Leben (meist) erleichtern. Die vorausgesagten Jobverluste durch den Einsatz von KI in Gewerbe, Dienstleistung oder Industrie sind vorderhand reine Spekulation. Niemand kann aus heutiger Sicht voraussagen, was in fünf oder zehn Jahren sein wird, denn wir befinden uns mitten in einer Zeit des globalen Umbruchs. Im Folgenden zwei Sichtweisen dazu:

«Alte» in einer Welt von digitaler Disruption
Wir stellen fest, dass Arbeitnehmende über 50 nach einem Stellenverlust Schwierigkeiten haben, einen neuen Job zu finden. Dafür gibt es viele Gründe. Neben den bekannten Argumenten betreffend Lohn und Sozialleistungen, entsprechen viele von uns «Alten» nicht mehr den gewünschten Anforderungsprofilen. Diese haben sich in den letzten Jahren stark verändert und werden sich auch in Zukunft, unter dem Einfluss künstlicher Intelligenz KI und der Digitalisierung vieler Tätigkeiten, weiter wandeln. Daneben steht noch eine ganz fundamentale Frage im Raum, die Martin Ford, Autor und Futurist, in seiner Präsentation auf der TED Plattform vom April 2017 (14:27) stellte: «Wie werden wir in einer Zukunft mit weniger Jobs unser Geld verdienen?» Ford stellt sich darin vor, was der beschleunigte Fortschritt in der Robotik und KI für die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft der Zukunft bedeuten könnte. Zusammenfassend folgerte er, dass wir in Zukunft sehr wohl mit einer hohen Arbeitslosigkeit konfrontiert sein könnten. Oder zumindest könnten wir mit hoher Unterbeschäftigung oder stagnierenden, vielleicht sogar sinkenden Löhnen konfrontiert sein. Und gleichzeitig mit einer rasant steigenden Ungleichheit. All das wird das gesellschaftliche Gefüge enorm belasten. Darüber hinaus gibt es aber auch ein grundlegendes wirtschaftliches Problem, das sich daraus ergibt, dass Arbeitsplätze derzeit der wichtigste Mechanismus sind, der Einkommen und damit Kaufkraft an alle Verbraucher verteilt, welche die von uns produzierten Produkte und Dienstleistungen kaufen.

Salvo in der Pinacoteca Turin 2025: Salvatore Mangione (1947-2015) italienischer Künstler: Factory 1981

KI als Auslöser für exponentielles Wirtschaftswachstum
Sechs Jahre später auf der TEDAI-Plattform vom Oktober 2023 (14:41), erklärt Investorin Cathie Wood (69), Gründerin und CEO von ARK Invest, einer Investmentfirma mit Fokus auf disruptive Innovation und Technologie, warum KI ein exponentielles Wirtschaftswachstum auslösen wird. Der Grund dafür: Heute passiert in der Technologie etwas, das es noch nie zuvor gegeben hat. Fünf Innovationsplattformen entwickeln sich gleichzeitig. Das gab es noch nie. Man muss bis in die frühen 1900er Jahre zurückgehen, um die gleichzeitige Entwicklung von drei Plattformen zu sehen. Damals ging es um Telefon, Elektrizität und Automobile. Heute entwickeln sich gleichzeitig Robotik, Energiespeicherung, künstliche Intelligenz KI, Blockchain-Technologie und Multiomics-Sequenzierung, ein Ansatz, der mehrere Omics-Methoden (wie Genomik, Transkriptomik, Epigenomik und Proteomik) kombiniert, um ein umfassenderes Verständnis komplexer biologischer Prozesse zu ermöglichen. Sie alle verändern die Wachstumsdynamik enorm und werden stark von KI katalysiert.

Generative KI sorgt für kreative Zerstörung
Wir befinden uns in dieser neuen Welt der generativen KI, in der fünf Plattformen zusammenwachsen. Als Beispiel erwähnt Cathie Wood die autonomen Taxiplattformen. Eine Konvergenz dreier wichtiger, universeller Technologieplattformen: Robotik – autonome Fahrzeuge sind Roboter; Energiespeicherung – sie sind elektrisch und künstliche Intelligenz – sie werden durch KI angetrieben. Für Wood ist dies nur eines von vielen Beispielen, wie Konvergenz und generative KI zusammen ein explosives Wachstumspotenzial schaffen, wie wir es noch nie erlebt haben. KI und diese neuen Technologien werden auch die Margen verbessern: bessere, schnellere, günstigere, produktivere, kreativere Produkte und Dienstleistungen sind zu erwarten. Eine von Woods Botschaften ist, dass die andere Seite disruptiver Innovation in der kreativen Zerstörung liegt. Wir werden somit autonome Taxiplattformen entwickeln, die den gesamten Transport und die Mobilität grundlegend verändern werden. Die Konvergenz von künstlicher Intelligenz, multiomischer Sequenzierung und einer weiteren zugrunde liegenden Technologie, der CRISPR-Geneditierung, wird das Gesundheitswesen grundlegend verändern. Wood glaubt, dass Blockchain-Technologie und künstliche Intelligenz nicht nur den gesamten Finanzdienstleistungssektor verändern, sondern auch zu einem völlig neuen Bereich der Eigentumsrechte im digitalen Bereich führen werden. Angesichts all der kreativen Zerstörung, die es da draussen geben wird, müssen wir uns auf die richtige Seite des Wandels stellen und durchhalten. Wir «Alten» müssen den Lärm ignorieren und unsere Erfahrung zur Verfügung stellen.

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