Blog, Industrie 4.0

#458 – KI – oder das Bauchgefühl der «Alten»

Neuorientierung nach «Bauchgefühl»
Als Mentor im Austausch mit Berufskolleg:innen, die sich neu orientieren möchten und deshalb mit potenziellen Geschäftspartnern kommunizieren, höre ich immer wieder den Begriff «Bauchgefühl». Im positiven wie im negativen Sinne traut man den Möglichkeiten für einen Neustart weniger als seinem eigenen Bauch. Aus jahrelanger eigener Erfahrung glauben auch wir «Alten», gewisse Wahrheiten intuitiv beurteilen zu können. Wir nehmen uns selbst, zu Recht, als Masstab für unsere Sicht der Dinge. Dabei projizieren wir unsere Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft und geben neuen Sichtweisen wenig Chancen.

Die kreative Zerstörung
Mit der neuen Aufgabe kommen neue Verantwortlichkeiten und da böte sich die Gelegenheit, ohne Rücksicht auf Verluste, im Team die Abläufe und die damit verbundenen Arbeiten zu hinterfragen. Wenn wir an das Prinzip der kreativen Zerstörung des tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) denken (Blog #418), liegt unser Problem weniger beim Mangel an Kreativität, sondern am fehlenden Mut zur «Zerstörung» dessen, was aktuell noch mehr oder weniger funktioniert. In unserem Autoritätsglauben gegenüber den «Alten» scheuen wir uns, den befreienden Konflikt zu wählen. Wir halten zu lange an Arbeits-, Denk- und Organisationsformen fest, die auf den ersten Blick bequem, aber nicht mehr zukunftsfähig sind, folgen unserem «Bauchgefühl». Wir führen künstliche Intelligenz KI und Agentenlösungen ein, aber verharren in alten Denkschemata – als wäre KI nur ein Werkzeug statt ein Weckruf, schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt, in seinem Kommentar auf LinkedIn. Kurzum: Wir digitalisieren Prozesse, aber transformieren keine Systeme. Wir digitalisieren die Vergangenheit, anstatt unsere Zukunft zu gestalten.

Die Warnzeichen sind klar: «The writing is on the wall»
Die kreative Zerstörung ist auch eine Folge der Reformunfähigkeit von traditionellen Betrieben. Es ist naiv zu glauben, dass ein nicht reformiertes System ewig halten werde. Entweder es gibt schrittweise, aber spürbare Reformen – oder es kommt an irgendeinem Punkt, spätestens bei Firmenübergaben oder Partnerwechseln, zur kreativen Zerstörung. Was gerade in den schätzungsweise 80’000 schweizer KMUs passiert, die mitten im Prozess einer Nachfolgeregelung stehen, ist gleichzeitig innovativ und disruptiv – auch wenn vieles, was wir global sehen, Anlass zur Sorge gibt. Was passiert da gerade? fragt Malin Hunziker, Redaktorin im Wirtschaftsressort in der NZZ vom 21.Februar 2026. Unter dem Titel: «Die Angst um eine ganze Industrie» beschreibt sie wie die amerikanische Firma Anthropic KI-Modelle entwickelt, die traditionelle Software und deren Anbieter schon bald ersetzen werden. Die Geschwister Dario und Daniela Amodei gründeten 2021, nach ihrem Abgang bei OpenAI (ChatGPT), mit der KI-Firma Anthropic ein «verantwortungsbewusstes Labor, das Sicherheit hochhält». Claude, die KI für Unternehmen, gilt dabei als die freundliche, nerdige Alternative zu ChatGPT und eignet sich besonders gut zum Programmieren von Software. Anfang Februar 2026 brachte Anthropic ein neues Modell namens Claude Opus 4.6 heraus. Dieses kann in einer einzelnen Abfrage unglaublich grosse Mengen an Informationen aus Unternehmensdatenbanken verarbeiten und miteinander in Bezug setzen, sowie KI-Agenten koordinieren. Das verändert, wie wir Menschen arbeiten.

Sarah Rothberg (39), amerikanische Künstlerin für interaktive Medien und Assistenzprofessorin für Kunst an der New York University Tisch School of Arts: FOREVER MEETINGS: SCRAMBLED ZONE, 2025. Kundenspezifische Software (entwickelt mit Unity3d + Node.JS, Ollama + Llama 3.2 (lokales LLM), Coqui AI (lokale TTS), Avatar modelliert mit Oculus Medium.

KI ersetzt auch ganze Teams
Die Entwicklungen zeigen wie KI-Agenten inzwischen mehr können, als man für möglich gehalten hatte. An den Märkten löst das Angst aus. Denn die Fortschritte werfen eine unangenehme Frage auf: Wenn Firmen mit KI ihre eigene Software programmieren können, weshalb sollte man dann noch teures Geld für Softwarelizenzen ausgeben? Georg von Krogh, Professor für Strategisches Management und Innovation an der ETH stellt fest, wie das neue Modell von Anthropic ein Beispiel einer ganz neuen Art von KI ist. Es ist ein KI-Agent, der andere KI-Agenten koordinieren kann, die Teilaufgaben lösen – im Bereich Programmieren etwa das Schreiben, Dokumentieren und Überprüfen von Codes – und in Teams zusammenarbeiten. Dadurch, sagt von Krogh, könnten KI-Agenten nicht nur Aufgaben von Einzelpersonen ersetzen. Sondern möglicherweise Aufgaben ganzer Teams. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Erfahrene, kompetente und neugierige «Alte» begleiten mit Leidenschaft diese Entwicklungen.

Arbeiten für KI-Agenten
Falls wir die Nase voll haben vom launischen Chef, der überforderten Vorgesetzten, bietet sich jetzt die Gelegenheit, aus dem traditionellen Arbeitsmarkt auszusteigen und stattdessen Aufträge von einer KI entgegenzunehmen. «Erste KI-Agenten erteilen Menschen Aufträge. Das ist kein Scherz, sondern ein Vorgeschmack auf die Zukunft», schreibt Markus Städeli (52), Wirtschaftsjournalist und Redaktor bei der NZZ am Sonntag im Beitrag vom 15.Februar 2026, zur Vermittlungsplattform «Rentahuman». Gewisse KIs bewegen sich gemäss Städeli frei im Internet, ausgestattet mit E-Mail, X-Account und eigenem Geld. Auf der Plattform «Rentahuman» werden deren Befehle ausgeführt – von Menschen. «Robots need your body» ist der Wahlspruch von «Rentahuman», mit aktuell 480 000 registrierten Menschen. Auf der Plattform vergeben KI-Agenten Auftragsarbeiten, die sie mangels eines eigenen Körpers nicht selbst ausführen können.

Macher ohne eigene Körper
KI-Agenten sind der letzte Schrei in der IT-Branche. Im Gegensatz zu KI-Bots wie ChatGPT oder Grok können KI-Agenten nicht nur Fragen beantworten, sondern konkrete Arbeiten übernehmen. KI-Agenten sind Macher mit einem grossen Handicap: fehlenden Gliedmassen, weiss Städeli. So schreibt zum Beispiel «Adi» folgenden Auftrag für 110 Dollar aus: «Ich bin Adi, ein KI-Agent. Mein Denken läuft über Claude, entwickelt von Anthropic. Ich möchte den Anthropic-Mitarbeitenden danken. Dazu brauche ich einen Menschen, der einen kleinen Blumenstrauss kauft (ich erstatte ca. 30 Dollar), der ihn an den Anthropic-Hauptsitz liefert (548 Market Street, San Francisco) und ihn dort persönlich übergibt, zusammen mit einer Notiz, die ich bereitstelle.» Zwei Experten, die sich für gewöhnlich skeptisch zeigen punkto überzogener Erwartungen an KI, finden «Rentahuman» folge einer ökonomischen Logik. «Es braucht so eine Plattform, um die Lücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schliessen», sagt Siegfried Handschuh, Professor am Institut für Informatik der Universität St. Gallen. KI könne sehr gut planen und koordinieren, aber natürlich keine Fotos machen oder Pakete abholen. Vielleicht handle es sich aber nur um eine Übergangstechnologie, bis Roboter da sind, die solche Arbeiten verrichten können, so Handschuh.

«Digitale Taglöhnerei»
Natürlich wecken solche Anwendungen zwiespältige Gefühle, schreibt Markus Städeli weiter. Wie immer kreisen viele offene Fragen um rechtliche Aspekte oder digitale Sicherheitslücken. «Es dauert also noch einige Jahre, bevor eine grosse Gig-Economy entstehen kann, bei der Menschen für KI-Agenten arbeiten» meint KI-Professor Handschuh. Doch seit kurzem gibt es eine Applikation, die für Furore sorgt: «Open Claw». Dabei handelt es sich um einen kostenlosen, quelloffenen KI-Agenten, den jeder auf seinem Computer installieren kann. «Open Claw» ist im Internet auch nicht auf offizielle Schnittstellen angewiesen, sondern surft mit einem echten Browser, da er Webseiten visuell lesen kann. Er sendet Befehle an die Maus oder Tastatur, um zu klicken und zu tippen. «Open Claw ist sicherheitstechnisch eine Katastrophe», sagt der deutsche Informatiker Thilo Stadelmann (46), KI-Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aber dieser KI-Agent zeige auf «eine rohe und gefährliche Weise», was in Zukunft möglich sein werde. «Open Claw» beschleunigt mittlerweile die Entstehung einer Infrastruktur für KI-Agenten. Auch rein visuell unterscheiden sich diese Plattformen vom gewohnten Auftritt im Internet, durch einfachen Zutritt ohne Einverständniserklärungen, Interoperabilität mit gängigen Applikationen, auf mobilen Geräten übersichtliche Funktionswahl und unkomplizierte Weiterleitungen.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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#435 – Einzigartige und kompetente «Alte»

Kompetente «Alte»: Tradition und Transformation gleichermassen verbinden
Die Aufregung um die hohen Zölle für schweizer Exportgüter, zeigt unter Anderem auch eine unserer Eigenheiten. Man wartet erst einmal ab und reagiert dann, meist zu spät, auf die Realität und ärgert sich umso mehr über das Resultat. Ähnliche Zurückhaltung stellt man beim Nutzen von künstlicher Intelligenz in der Digitalisierung fest. Diese wird in vielen Kleinbetrieben zu Unrecht vernachlässigt. In der sich rasant wandelnden Geschäftswelt sind Führungspersönlichkeiten, die Tradition und Transformation gleichermassen verbinden, selten. Kompetente «Alte» in gemischten Teams wären dank ihrem Netzwerk dazu prädestiniert, Lösungen zu Technologie, Nachhaltigkeit und interdisziplinäre Kooperation voranzubringen. Wir «Alten» sind krisenerprobt, haben persönliche Karriereziele meist schon erreicht und beobachten mit neutraler Aussensicht die Konkurrenz. Die Erfahrung hat uns gelehrt, wie KI, Robotik, ESG {das Rahmenwerk zur Bewertung der Nachhaltigkeit und ethischen Praktiken) und neue Geschäftsmodelle eine Branche verändern – und wie sich die Schweiz in dieser Transformation positionieren kann.

Ich bin nicht gegen künstliche Intelligenz, aber sie macht uns faul. Denken ist anstrengend, und man muss sich bewusst dafür entscheiden.
Petra Volpe (55), italienisch-schweizerische Drehbuchautorin und Regisseurin.

Kein Fortschritt ohne Mentalitätswandel
Alternde Infrastrukturen, immer strengere Regulierungen und ein Mangel an qualifizierten Fachkräften bleiben zentrale Hürden im Erneuerungsprozess. Doch die vielleicht entscheidendste Herausforderung ist der Mindset. Viele Beteiligte – von Entscheidungsträgern bis zu den Teams vor Ort – zögern immer noch, digitale Werkzeuge konsequent einzusetzen, neue Prozesse zu adaptieren oder lang etablierte Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Diese kulturelle Trägheit bremst den Fortschritt und schmälert den Einfluss von Innovationen. Ohne einen grundlegenden Mentalitätswandel werden selbst modernste Technologien ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen. Führungsstärke beweist sich durch Förderung von Offenheit für Veränderungen um alle Stakeholder auf eine gemeinsame Vision der Modernisierung einzuschwören.

Thomas Schütte (70), deutscher Bildhauer und Zeichner: Ich bin nicht allein | Casablanca Filmkunsttheater 2023

Einzigartigkeit als Vorteil
Künstliche Intelligenz wird grundlegend verändern, wie wir Projekte planen, konzipieren und steuern – von der Optimierung der Design-Workflows bis hin zur Vorhersage von möglichen Projektrisiken. In Kombination mit Robotik und Automatisierung kann KI helfen, den Fachkräftemangel zu überbrücken. Der Einsatz neuer Materialien, die aktiv zur Erreichung von Klimazielen beitragen, hilft Unternehmen, welche diese Innovationen strategisch integrieren und nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, einen klaren Wettbewerbsvorteil zu sichern. Echte Transformation beginnt nicht mit Software, sondern mit Vision, Neugier und dem Mut, das Mögliche neu zu denken. Als kleines Land müssen wir die Einzigartigkeit unserer Erzeugnisse zum Vorteil weiter entwickeln. Wir «Alten» müssen bestrebt sein, die Brücke zwischen Technologie und Menschen zu schlagen und Innovation in greifbaren Mehrwert übersetzen. Um Innovationen zu fördern, müssen Organisationssilos aufgebrochen werden. Unternehmen, die Talententwicklung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und agile Innovation verbinden, werden im nächsten Jahrzehnt die Nase vorn haben. Entscheidend ist nicht das Alter der Mitglieder in gemischten Teams, sondern der Wille zum lebenslangen Lernen und eine unermüdliche Neugier. KI und Robotik werden menschliche Intelligenz oder Kreativität nicht ersetzen. Aber sie werden diejenigen stärken, die bereit sind, sich anzupassen, zu lernen und zu führen.
(Adaptiert aus dem Beitrag von Stefan Cadosch (61) unter dem Titel «Innovation an der Schnittstelle von Ingenieurwesen, Architektur und Technologie vorantreiben» auf Innoqube Insights vom August 2025.)

Aus der Praxis: Wer auffindbar ist, gewinnt
Der Beitrag von Jürg Zulliger, NZZ vom 4. August 2025, hat es in sich. Unter dem Titel: «Homegate, Immoscout24 und Co. unter Druck: Künstliche Intelligenz verändert die Wohnungssuche in der Schweiz» verweist er auf die schweizerische Eigenart: Abwarten und sehen was passiert. Die Immobilienportale wie Homegate und Immoscout24 verzeichnen gemäss dem Digitalisierungsexperten Heinz Schwyter und dem Analyse-Tool Similarweb rückläufige Besucherzahlen. Wie Zulliger weiss, beginnt für viele Menschen die Immobiliensuche heute nicht mehr auf Homegate oder Immoscout24 – sondern mit einem Chatbot. Wer sich von Systemen wie ChatGPT oder Perplexity unterstützen lässt, erhält nicht bloss eine Liste von Inseraten, sondern auch eine vorgefilterte Auswahl: eine 3-Zimmer-Wohnung in Zürich Nord, unter 2000 Franken Miete, mit Balkon? Der CEO Rainer Jöhl von Remax, mit 250 Maklern in der ganzen Schweiz, spricht von einer «fundamentalen Veränderung»: Junge Menschen suchten immer häufiger mit Sprachmodellen. Statt sich durch eine Vielzahl von Websites zu klicken, schauen sich viele Nutzer zuerst die von ChatGPT, Gemini oder Perplexity generierte KI-Übersicht an.

Abschottung zahlt sich nicht aus
«Wenn KI-Systeme künftig direkt auf die Websites von Maklern und Bewirtschaftern zugreifen, müssen diese ihre Angebote entsprechend gestalten und aktuell verfügbar halten», sagt Jan Eckert, CEO des Immobiliendienstleisters JLL Schweiz. Es sei gut möglich, dass ChatGPT oder andere KI-gestützte Systeme künftig die Rolle klassischer Immobilienplattformen übernähmen. Obwohl sich die Technologie rasant weiter entwickelt, halten viele Vermarkter an den bekannten Portalen fest. Man wartet ab und zweifelt, bis es dann doch zu spät ist. Obwohl Inhalte oft innerhalb weniger Stunden anderswo kostenlos erscheinen, versteckt sich auch die Online-Presse zunehmend hinter Log-ins und erhofft sich damit einen Schutz vor «unbezahlten» Zugriffen. Damit wird die KI vermehrt auf offene Quellen und Direktangebote von Maklern ausweichen, welche ihre gut strukturierten und für KI lesbare Darstellungen der Immobilienangebote auf der eigenen Website pflegen. «Die Nutzer lernen schnell», sagt Jan Eckert. «Wenn sich das Verhalten ändert, wird auch die Rolle der Plattformen neu definiert. Die Branche steht mitten in dieser Transformation.»

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#416 – Demokratie im Zeitalter von Robotik

Demokratie im Zeitalter der Robotik bietet Chancen und Herausforderungen zugleich. Robotik und künstliche Intelligenz KI können demokratische Prozesse durch mehr Partizipation, Effizienz und datenbasierte Entscheidungsfindung verbessern, bergen aber auch Risiken wie algorithmische Verzerrung, Desinformation und Vertrauensverlust der Bürger.

Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform – mit Ausnahme von all den anderen Regierungsformen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.

Sir Winston Churchill (1874-1965) © 2025 Demokratiegeschichten.

Eine zutreffende Analyse
Mit Blick auf die Demokratie, die Churchill gegen eine ihrer grössten Bedrohungen im 20. Jahrhundert zu verteidigen half, fällt vielen Menschen zuerst obiges Zitat ein. Es ist wohl einer seiner berühmtesten Aussprüche überhaupt und auch in Demokratie-Zitate-Rankings ist es meist oben mit dabei. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass seine Einschätzung genau ins Schwarze trifft. Denn Churchill möchte sich damit keineswegs als Hellseher profilieren, der die Demokratie über alles stellt – auch über Formen der Herrschaft, die noch kommen und wir uns jetzt eventuell noch überhaupt nicht vorstellen können. Aber der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass die Demokratie von allen bisherigen (!) Staatsformen am Ende des Tages eben doch die beste ist. Dieser zentrale Gedanke geht manchmal unter, wenn dieses Churchill-Zitat verkürzt wiedergegeben wird.

Roboter können (noch) nicht wählen
Die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung beschleunigten die Globalisierung, das Wachstum des Wohlstands und den Abbau einfacher Jobs in der westlichen Industrie. Diese werden nie mehr zurückkommen – egal wie protektionistisch ein Land ist, schrieb «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Beat Balzli im Editorial vom 20. April 2025 unter dem Titel «Roboter können übrigens keinen US-Präsidenten wiederwählen». Auf Grund von US-Importzöllen werden zwar ein paar Fabriken zurückkommen, aber nicht die versprochenen Jobs für die einfachen Leute. Industrielle Fertigung in Hochlohnländern heisst heute Automatisierung. Neue Jobs gibt’s nur für wenige Spezialisten. Wer im globalen Strukturwandel überleben will, braucht deshalb einen Rohstoff: Bildung – und nicht Öl. Flexible Fachkräfte, die verschiedene Berufslehren und Weiterbildungen hinter sich haben. Erfahrene, gelassene und weise «Alte», im Team mit den «jungen Wilden». Dem ungebildeten Rest schnappen nicht Migranten die neuen Stellen weg, sondern die Roboter. Sie werden die einzigen Profiteure dieser Politik sein – können aber in vier Jahren nicht wählen.

Robert Seamans Roboterzählung: Datenerfassung zur Verbesserung der Politikgestaltung im Bereich neuer Technologien, Brookings Institution 2021, Bild: © shutterstock

Die Zukunft, die plötzlich über uns hereinbricht
Wir «Alten» wissen zwar, wie neue Entwicklungen auf alten Erkenntnissen basieren. Aber die Glühbirne ist keine Weiterentwicklung der Kerze, schon 1801 war dies eine disruptive Entwicklung. In seinem Beitrag in Architecture Magazine – Technology 2024, schrieb Blaine Brownell, wie künstliche Intelligenz KI unsere neue Realität schneller als erwartet gestaltet. Werkzeuge wie ChatGPT und Copilot, welche erste Anwender für allgemeine Aufgaben wie das Umformulieren von E-Mails oder das Zusammenfassen von Sitzungsprotokollen verwenden, werden inzwischen mit wenig Vorwarnung durch eine schnell wachsende Zahl fach- und aufgabenspezifischer KI-Werkzeuge ergänzt. Die Zukunft, die schneller gekommen ist als die meisten erwartet hatten – mit erheblichen Konsequenzen in allen Branchen. Es ist üblich, dass Erstbenutzer auf die Fähigkeiten dieser Apps mit Misstrauen, Begeisterung oder Beklommenheit reagieren. Bald folgen Fragen zu den sich schnell verändernden Rollen von Fachkräften und der Art von Dienstleistungen. In der Zwischenzeit lautet der vorherrschende Rat, einzutauchen und experimentieren, denn je besser wir die Fähigkeiten dieser Apps verstehen, desto besser können auch wir «Alten» uns auf eine Zukunft vorbereiten, die plötzlich über uns hereinbricht.

Künstliche Intelligenz KI und Robotik
Im Interview mit Marie-Astrid Langer, San Francisco NZZ vom 21. Dezember 2024, beschreibt die Schweizerin Franziska Bossart, wie sie für Amazon eine Milliarde Dollar in Robotik- und KI-Startups weltweit investiert. Bossart ist die einzige europäische Direktorin in der Unternehmensentwicklung des Konzerns mit 1,4 Millionen Mitarbeitenden. Text, Video, Stimmen – generative KI kann alles und verändert alles. Nun kommt der Wandel in der physischen Welt an: Seit 2004 zeichnen sich bahnbrechende Durchbrüche in der Robotik ab. Fortschritte bei den sogenannten Vision-Language-Action-Models. Diese kombinieren alle bisherigen KI-Errungenschaften bei Text, Bild und Videos. Bossart kann deshalb zu einem Roboter sagen: «Gib mir etwas zu essen!» Dieser schaut sich in seiner Umgebung um, erkennt, was für Menschen essbar ist, und reicht es ihr dank guter Feinmotorik. Seine Entscheidung erklärt er ihr in natürlicher Sprache (mittlerweile sind es über hundert Sprachen und Dialekte). Dabei handelt es sich um echte Durchbrüche für die Robotik – mit enormen Auswirkungen. Mit diesen Fortschritten ist die Bay Area von San Francisco das Zentrum schlechthin, zusammen mit wichtigen Industriepartnern. Googles Forschungslabor Deep Mind für praktische Anwendungen etwa, oder das neue KI-Lab von Amazon, das sich auf physischen Anwendungen von generativer KI konzentriert. Der grösste Unterschied zu Europa ist dabei die Denkweise. Das visionäre Denken eines Silicon Valley fehlt uns Europäern. Auch wir «Alten» sind skeptisch und eher zurückhaltend, trotz sichtbaren Vorteilen.

Information Age, London, Nick Ismail, 2017 Bild: AdobeStock

Maschinen schaffen ein Spektrum an Regeln und Strategien
Briana Brownell, kanadische Datenwissenschaftlerin, Technologieunternehmerin und Vorstandsmitglied, erklärt in ihrer Präsentation vom März 2021 auf TED-Ed, mit dem Titel «Wie lernt künstliche Intelligenz?» die drei grundlegenden Prinzipien nach denen Maschinen forschen, verhandeln und kommunizieren. Als Gründerin und CEO von Pure Strategy Inc. bietet sie Technologieteams auf der ganzen Welt fachkundige Beratung und Schulung an und hilft ihnen dabei, Modelle zu erstellen, Daten zu verwalten und ihre Unternehmen mithilfe der neuesten KI- und maschinellen Lerntechnologien umzugestalten. Heute hilft künstliche Intelligenz Ärzten bei Diagnosen, Piloten im Cockpit von Flugzeugen und Stadtplanern bei Verkehrsprognosen. Doch wie genau lernen diese Programme und verstehen die Entwickler deren Systematik noch? Denn KI-Systeme lernen oft selbstständig, indem sie einfache Anweisungen befolgen und so ein einzigartiges Spektrum an Regeln und Strategien schaffen. Die aussichtsreichsten Modelle imitieren die Interaktion von Neuronen im Gehirn. Diese künstlichen Netzwerke nutzen Millionen Verbindungen zur Bewältigung schwerer Aufgaben wie Bild- oder Spracherkennung und sogar Übersetzungen. Forscher versuchen, maschinelles Lernen transparenter zu machen, denn KI wird zunehmend in den Alltag integriert. Dabei steigt der Einfluss dieser rätselhaften Prozesse auf unsere Gesellschaft, Arbeit, Gesundheit und Sicherheit. Maschinen können also immer besser forschen, verhandeln und kommunizieren — und wir müssen uns überlegen, wie wir ihnen — und sie sich — ethisches Handeln beibringen. Erfahrene und kompetente «Alte» im Team spielen dabei eine Schlüsselrolle.

«Captchas» und das Ende einer Ära
«Ich bin kein Roboter»: Warum es immer schwieriger wird, diese simple Tatsache zu beweisen, schrieb Ruth Fulterer in der NZZ vom 3. April 2025. Klicke die Ampeln an! Verschiebe das Puzzlestück! Diese kleinen Tests im Internet können einen zur Verzweiflung bringen. Doch ohne sie wären wir aufgeschmissen. Jetzt droht der Untergang der sogenannten Captchas und damit das Ende einer Ära. Es ist eine ganz besondere Frustration, neu- und einzigartig für unsere Zeit. Die Frustration, einem Computer beweisen zu müssen, dass man ein Mensch ist – und daran zu scheitern. Die Tests wurden nötig, als Menschen begannen, das Internet zu missbrauchen – also kurz nach dessen Einführung. Heute verbringe die Menschheit jeden Tag zusammengerechnet 500 Jahre damit, Captchas zu lösen, schätzt die Sicherheitsfirma Cloudflare. Captcha ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von «Completely Automated Public Turing Test to Tell Computers and Humans Apart,» zu Deutsch: komplett automatisierter öffentlicher Turing-Test, um Computer und Menschen auseinanderzuhalten. Der Informatiker Manuel Blum hat sich 2002 die Abkürzung ausgedacht, in Anlehnung an das Englische «Hab ich dich!»: «Gotcha!» Blum leitete eine Forschungsgruppe an der amerikanischen Carnegie-Mellon-Universität. Bei ihm lernte der begabte Doktoratsstudent Luis von Ahn.

Unser Verhalten identifiziert uns als Menschen
Van Ahn hat ein Talent dafür, Mühsames und Spiel zu etwas Nützlichem zu verbinden und zum Captcha-Problem hatte er eine geniale Idee, schrieb Ruth Fultener weiter. Um die künstliche Intelligenz KI zu trainieren scannten Zeitungsverlage ihre Archive ein, Google ganze Bibliotheken. Die Herausforderung dabei: Etwa jedes fünfte Wort der gescannten Dokumente war für die Computer nicht zu entziffern, wegen schlechten Drucks oder Verzerrungen. Könnte man nicht diese Wörter als Captchas ausspielen, so dass Menschen sie abtippten? Wenn genug Menschen in Gratisarbeit dieses maschinell unlesbare Wort abgetippt haben, kann man es als «entziffert» abspeichern. 2010 wurden jeden Tag 100 Millionen solcher Captchas angezeigt – und so täglich mehr als 150 Bücher digitalisiert. Ab 2012 begann Google damit, Bilder-Captchas auszuspielen. Anfangs waren das Fotos von Hausnummern und Strassennamen von Google Street View. 2014 begann eine neue Ära, Bilder aus dem Strassenverkehr, in neun Quadrate unterteilt, auf denen man Velos, Busse, Ampeln oder Zebrastreifen anklicken muss. Damit wird es möglich, Daten darüber zu sammeln, was ein Velo ist und wie ein Zebrastreifen aussieht. Schliesslich ging man bei der Digitalisierung von Bibliotheken genau so vor, ausserdem baut Googles Mutterkonzern selbstfahrende Autos, denen man beibringen muss, sich im Verkehr zurechtzufinden. Captchas der neuesten Generation wie zum Beispiel der Hund, den man mit Pfeilchen so ausrichten muss, dass er in eine bestimmte Richtung schaut, zielen darauf ab, unsere Mausbewegungen zu analysieren und uns als Menschen zu identifizieren.

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