Umdenken ist angesagt
Die vergangenen Tage brachten viele von uns «Alten» zum Staunen. Was sich in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch der ersten Novemberwoche in den USA abspielte, übertraf für manche das Vorstellungsvermögen. Das Ende von Demokratie, Wirtschaft oder Ethik bedeuten diese Vorkommnisse natürlich nicht. Vielmehr müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir uns in einer sich schnell verändernden Welt positionieren wollen. Die Zukunft gehört weder Nostalgikern noch Apokalyptikern. Sie gehört denen, welche die realen Probleme anpacken und die Menschen dabei mitnehmen – ohne dauererhobenen Zeigefinger und ohne populistischen Krawall (Eric Gujer, NZZ vom 8. November 2024). Was heisst es für KMUs bezogen auf die Konkurrenz, die Wettbwerbsfähigkeit im Markt und die Auswahl von Mitarbeitenden. Auch die Erfahrung und Kompetenz von uns «Alten» bei der Zusammensetzung von Teams gewinnt an Bedeutung. Die Moderne ist eine Geschichte des permanenten Wandels und damit des permanenten Verlusts. Neues entsteht, Altes verschwindet. Diese Verlusterfahrung hat sich jedoch seit der Jahrtausendwende akzentuiert (Eric Gujer, NZZ vom 8. November 2024).
Geschichte ist Gegenwart
Das Bollwerk der Traditionen ist im Laufe der Jahrzehnte vom Fortschrittsdenken geschleift worden. Heute muss progressiv sein, wer politisch ernst genommen werden will. Was der Gemeinschaft aber verlorengeht, ist der existenzielle Halt, den das historische Erbe bietet, schreibt Rudolf Taschner (71), im Gastkommentar, NZZ vom 23. September 2024. Dabei bezieht er sich auf Golo Mann (1909-1994), deutscher Historiker und Essayist. Dieser stellte 1965, anlässlich des 600-jährigen Bestehens der Universität Wien, in seinem Vortrag die Frage, ob man noch an Tradition und seit alters bestehenden Weltbildern und Tugenden festhalten solle oder aber jenen zuzustimmen sei, die «jeden Versuch, in unserer Epoche die Tradition, die Werte und Wertungen einer früheren Epoche aufrechtzuerhalten und wiederzubeleben, für hoffnungslos und hinderlich» erachten. Die sich gegen Tradition und Besinnung auf unsere Wurzeln aussprechen, stellen fest, so Golo Mann, «dass wir aus der Vergangenheit nichts mehr lernen können, dass sie uns nichts mehr sagt und dass sie uns nichts mehr hilft. Wer heute noch Tradition aufrechterhalten will, der kämpft im besten Fall ein hoffnungsloses Rückzugsgefecht.» Denn wir leben in der Ära der Entwurzelung.

Entwurzelung und Geschichtsvergessenheit
Geschichtsverlorenheit geht mit einem schier unaufhaltsamen Zug zur «Infantilisierung», lockere Beziehungen und Intoleranz gegenüber Meinungs-verschiedenheiten, einher. Doch wie kann man reifen, wenn man nicht Wurzeln schlägt? Schreibt Taschner weiter. Die Indizien der zunehmenden Unreife sind unübersehbar: Das beginnt beim Duzen von Wildfremden. Werbetexte oder Handy-Mitteilungen verwenden immer öfter das Du. Obwohl man das Gegenüber nicht einmal kennt, scheint es doch einen lieb zu haben. Widerspruch erträgt man nicht mehr. Wer die eigene Meinung nicht teilt, den mag man nicht mehr. In Debatten werden Unliebsame ausgeschlossen, weil sie Gefühle verletzen könnten. Nicht Herrschaft, sondern Dienstleistung wird vom Staat erwartet. Dieser hat nicht nur Sicherheit, Freiheit und Fairness zu gewährleisten, er soll sogar für das gedeihliche Vorankommen seiner Bürger:innen von der Wiege bis zur Bahre sorgen. Mit Beihilfen, mit Förderungen, mit Bonuszahlungen, mit freiem Schul- und Universitätszugang, mit Absicherung bei sozialem Bedarf, im Krankheitsfall, im Alter und so weiter.
Demokratie genügt nicht zur «Einwurzelung»
Gerne wird darauf geantwortet, Demokratie reiche aus, die Zukunft eines von der Vergangenheit losgerissenen Gemeinwesens zu meistern. Das ist falsch, denn Demokratie ist nicht einmal ein Wert. Sie ist lediglich ein Verfahren der gewaltlosen Machtübergabe aufgrund eines Mehrheitsbeschlusses. Wohl aber wird Demokratie als Schlagwort missbraucht: Man selbst wähnt sich demokratisch, während man den Gegner als populistisch verunglimpft. Wobei populistisch vom Wort her das Gleiche wie demokratisch bedeutet. Der griechische Demos ist der lateinische Populus: das Volk, so Rudolf Taschner. Am allerwenigsten ist der Wokeismus, dem der Zeitgeist huldigt, dazu geeignet das entwurzelte Gemeinwesen zu stabilisieren. Der Staat verkommt zum Dienstleister, was Unsummen kostet, die auf Dauer nicht zu bezahlen sind. Abhilfe schüfe allein die Rückbesinnung auf die Tradition, die «Einwurzelung» – ein schönes, von Simone Adolphine Weil (1909-1943), französische Philosophin, Mystikerin und politische Aktivistin, geprägtes Wort.
Man muss die Vergangenheit kennen
Wie könnte dies gelingen? Wohl nur, wenn sich die geistigen Eliten des Landes, die in Bildungsinstitutionen, die an Universitäten und in den Schulen Wirkenden, aufraffen, das Erbe der Ahnen wieder ernst zu nehmen und es als Aufgabe und Verpflichtung zu betrachten. Ein letztes Mal zitiert Taschner Golo Mann: «Man muss die Vergangenheit kennen, um sich von der Zukunft nicht überwältigen zu lassen. Man muss das Alte kennen, gerade um zu unterscheiden, was im Neuen neu ist, was nicht mehr geht, was völlig anders gemacht werden muss. Ebenso auch: Was im Neuen alt ist und bleibend ist. Wie Menschen handelten und warum, was ihre Motive waren und wie sie sich mischten, Staatsräson und Tradition, Stolz und Rechthaberei, Gier, Furcht, Opportunismus, wie ihre Taten ihren Ideen widersprachen; das, zum allermindesten, lehrt uns das Studium der Geschichte und in diesem Sinn bleibt sie, wie Napoleon sie nannte, die wahre Philosophie. Wie man für die Gegenwart aus der Geschichte lernen soll und wie nicht, dafür gibt es kein Rezept; so wenig es eines gibt, um in der Literatur Tradition schöpferisch zu pflegen und die Klippe blossen Epigonentums oder snobistischer Künstelei zu vermeiden. Verwirklichung ist nun einmal immer Sache der Kunst, also der Person, nicht der Theorie.»
Wir brauchen mehr Verrücktheit
Der Technikoptimist Vinod Khosla (69), Indisch-amerikanischer Milliardär, Geschäftsmann und Risikokapitalgeber, glaubt an die weltverändernde Kraft «verrückter Ideen». Siehe dazu Blog #389 – «Alte» zur Zukunft der Technik». Er warnt uns vor Experte:innen, welche lediglich die Vergangenheit extrapolieren. Sie verhindern radikalen Fortschritt, weil sie linear denken. Sie denken nicht an das Unwahrscheinliche. Khosla glaubt nämlich, dass nur unwahrscheinliche Dinge wichtig sind. Aber wir wissen nicht, welche von diesen es sind. Unternehmer mit einer Leidenschaft für Visionen träumen ihre Träume und wagen dann etwas Verrücktes. Wir brauchen mehr Verrücktheit, um diese unwahrscheinlichen Träume wahr werden zu lassen. Dank unserer Weisheit, Gelassenheit, Erfahrung, Reife und Neugier sind kompetente «Alte» als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner, willkommene Ergänzungen in gemischten Teams.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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