Plädoyer für eine Kommunikation auf Augenhöhe
Die Krawatte, Statussymbol und Ausdruck von Unfehlbarkeit, Autorität oder Macht. Gerade wir «Alten» sehen in dem Kleidungsstück die Bestätigung für unseren Erfolg. Bankiers, Anwälte oder Politiker tragen sie selbstherrlich um Vertrauenswürdigkeit und Seriosität zu suggerieren. Der Herr Doktor wäscht sich zwar zwischen Konsultationen die Hände, seine Krawatte aber berührt beim Untersuch jeweils verschiedenste Patienten. Hygienisch ist das nicht, zumal das Teil praktisch nie gereinigt wird. Die Krawatte ist im Betrieb oft Ausdruck eines hierarchischen Denkens, dem man nicht widerspricht. Als «Zeichen» kommuniziert sie die Philosophie und bestimmt das Klima in einem Unternehmen. Kommunikation auf Augenhöhe bedient sich deshalb anderer Symbole, wie beispielsweise kurze Hosen oder Sneakers. Man gibt sich jovial, jung und grenzt sich gegen ein verstaubtes Image ab. Internet und soziale Netzwerke ermöglichen uns heute schon im voraus Einblick in die Kultur einer Firma und worauf man sich bei der Stellenbewerbung einlassen wird.
Die Wirkung auf das Team
Gerade zum Jahreswechsel machen sich viele Menschen Gedanken über ihre Zukunft. Gemäss aktuellen Umfragen planen 75% aller schweizer Arbeitnehmenden einen Jobwechsel im 2024. Im Gespräch mit einem jüngeren Kollegen erzählte mir dieser, wie er nach sieben Tagen seine neue Stelle wieder gekündigt hat. Das lokal bekannte Büro verfügt über eine sehr gute Auftragslage, muss für sich keine Werbung machen und war für den Branchenkenner eine gute Wahl. Schnell stellte sich dann aber heraus, wie die Firma aus reiner Bequemlichkeit in ihren alten Strukturen verharrt ist. Die Führungsriege besteht aus einen inneren Zirkel von Vertrauten und ist streng hierarchisch organisiert, was selbstständigem Denken keinen Platz lässt. Digitalisierung oder ein zeitgemässes Arbeitsumfeld sind da eher Störfaktoren, weshalb jüngere Mitarbeitende immer wieder den Betrieb verlassen, andere leiden an Burnout. Arbeit besetzt während vieler Jahre den Grossteil unserer verfügbaren Zeit. Sie füllt die Stunden, Tage und Wochen, bis das Arbeitsleben irgendwann voll ist. Was erlaubt ist und was gefordert wird, welchen Umgang die Kolleg:innen miteinander pflegen und wie man es überhaupt mit der Arbeit hält, ist darum prägend. Und stets auch ein Abbild der Zeit, in der man gerade sein Geld verdient.

Das Tenue und das Du
War früher alles besser? Das hängt davon ab, wen man fragt, schrieb Nadine A. Brügger im Feuilleton der NZZ vom 27. Dezember 2023. In ihrem Beitrag berichten Pensionierte über die Arbeitswelt. Zwei ehemalige Lehrer erinnern sich, wie man bis Anfang der 1960er Jahre mehr auf Formen geachtet habe. Im Umgang und auch in der Garderobe. «Wir sind mit Anzug und Krawatte zur Arbeit. Maximal mit einem kurzärmeligen Hemd im Hochsommer, wenn es sehr heiss war.» Als die zwei 1969, gemeinsam mit weiteren Lehrer:innen eine Kantonsschule aufbauten, mit neuen Strukturen und jungen Leuten, war man mit den meisten Kolleg:innen rasch per Du. Das war damals eine Seltenheit, siezte man sich doch anderswo oft bis zur Rente, obwohl man gelegentlich über Jahrzehnte zusammenarbeitete. Man musste ja immer den richtigen Moment abpassen, um «Duzis» zu machen, in der Regel mit einem Glas Rotwein. Altersunterschied, Geschlecht und soziale Stellung waren dabei zu berücksichtigen. Lesen Sie dazu auch «#193 – «Alte» und das DU», den Blog vom 10. November 2020 auf «kompetenz60plus.ch».
Der Umgang
In den Arbeitsfeldern Marketing und internationale Verhandlungen beispielsweise, arbeitete man mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammen, sagte der ehemals für Grosskonzerne verantwortliche Mitarbeiter. «Die Herkunft war völlig egal, wenn der Mann die richtige Leistung brachte». «Dass einer zum Beispiel dunkelhäutig ist, spielt erst heute eine Rolle.» Wichtiger war das Erscheinungsbild: Anzug, Krawatte, ordentliche Frisur. Damals habe man sich über Diskriminierung oder «Diversity» nicht den Kopf zerbrochen. Auch Rauchen und Alkoholkonsum bei der Arbeit waren damals absolut üblich. Er habe «geschlotet, überall: bei Sitzungen, im Flugzeug, immer». Frauen in «Männerberufen» waren damals nur in gewissen Rollen akzeptiert. Leitende Stellen waren fast ausschliesslich den Männern vorbehalten: Das lohne sich doch nicht, sie sei ja eine Frau, sie heirate doch bestimmt bald.
Die Jungen
Als ich in den 1960er Jahren meine Lehre als Hochbauzeichner begann, waren die Sitten noch härter. Das System zu hinterfragen war ausgeschlossen, Durchhaltewillen und Stabilität bestimmten den Lebenslauf. Im ersten Halbjahr musste ich zweimal täglich «Znüni und Zvieri» besorgen, für rund 40 Mitarbeitende mit immer neuen Sonderwünschen, inklusive Rückgabe von korrektem Wechselgeld. Wenn man im ersten Lehrjahr vor allem Papierkörbe und Aschenbecher leeren musste und ab dem zweiten als billige Arbeitskraft missbraucht wurde, dann war das halt so. Man hätte sich nie getraut, dem Lehrmeister (fast immer männlich) zu widersprechen, obwohl Arbeiten mit 14 oder 15 Jahren eigentlich zur Kinderarbeit zählt. Damit hatten wir uns abgefunden, denn in den Nachkriegsjahren der Schweiz ging es wirtschaftlich aufwärts. Immer nur aufwärts. Ich bekam immer mehr Lohn, ein Telefonanruf genügte für die Bewerbung um eine neue Stelle, der Wohlstand nahm stetig zu. Heute ist die Arbeitswelt rauer geworden, die Jungen haben es trotz vieler Verbesserungen schwerer, ihre Träume zu verwirklichen. Mit Teilzeitarbeit oder Gelegenheitsjobs bringen sich viele von ihnen über die Runden, kaufen sich Zeit, denn man will sich ja nicht zu früh festlegen. Noch nie wurden so viele Jungunternehmen gegründet, der Schritt in die Selbstständigkeit als Flucht vor der «Realität»?
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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Lieber Werner, spannend wie sich die Zeit verändert hat. Vielen Dank für diesen Einblick.
Aus eigener Erfahrung beschloss ich, mit der Übernahme eines Betriebs vor 16 Jahren, am ersten Tag und entgegen aller Gepflogenheiten, wie Altersunterschied, Geschlecht und sozialer Stellung, dass man sich fortan «du» sagt.