Industrie 4.0

Innovation!

Deindustrialisierung
Deindustrialisierung ist nicht per se schlecht und hat eine lange Geschichte in der Schweiz, nur wurden mancherorts die Zeichen ignoriert. Im Schulunterricht der 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts lernten wir, dass die Schweiz wegen ihres Rohstoffmangels auf Werte wie gute Bildung, Offenheit, Flexibilität, Weitsicht und Innovation setzen muss. Im heutigen Jargon würde man Vernetzung und Kreativität hinzufügen.

Industrie als Kulisse
Die Uhrenindustrie konnte dank Nicholas Hayeck nochmals erfolgreich durchstarten, die Textilbranche hatte sich im Gegensatz durch den Export von Textilmaschinen ihr eigenes Grab geschaufelt. Ihre stolzen Bauten aus dem 19. Jahrhundert erhalten heute als Industrielofts für Wohn- und Ateliernutzungen ein neues Leben. Winterthur konnte seine Stellung als zweitgrösste Stadt im Kanton Zürich in den letzten 30 Jahren dank weitsichtiger Planung halten. Sein Industrieerbe existiert weiter als wertvolle Kulisse für die anderweitig meist belanglose Architektur.

Impuls durch Wohlbefinden
Ist es die Behäbigkeit oder Konzeptlosigkeit der Eigentümer von «Traditionsfirmen» wenn sie ihre Produktion ins Ausland verlegen. Fehlt es an Mut, die altgedienten Hallen zu entrümpeln, Licht Luft und Sonne in die dunklen Werkstätten zu bringen. Dass mit solchen Massnahmen auch die Befindlichkeit für alle Beteiligten neue Energien freimachen könnte zeigt sich in Wirtschaftszweigen wie der Pharmazie oder bei den Tausenden von Technologieunternehmen.

Technologie sinnvoll eingesetzt
Niemand ist gezwungen, aus ökonomischen Überlegungen Prozesse ins Ausland zu verlagern um noch ein paar Jahre mit billigeren Lohnkosten weiterwursteln zu können. Vielleicht werden dabei auch Dinge produziert die niemand mehr braucht, wie man das vor einem Vierteljahrhundert in Ostdeutschland erfahren musste. Vielleicht braucht es anstelle des «billigen» Indischen Schweisstechnikers einen leistungsfähigen Schweizer Kleberoboter, der von Schweizer Technikern vor Ort gewartet wird, notabene in einer lichtdurchfluteten Halle. Textilien könnten ja mittlerweile auf 3D-Druckern nach individuellen Wünschen zeitnah produziert werden.

Hypothek der Überalterung
Es scheint als würden viele der betroffenen Industrien einfach noch «verwaltet», mit der Absicht dass die nächste Generation das schon irgendwie richten werde. Solange man sich den mittlerweile angewöhnten Luxus noch leisten kann, braucht es keine Investitionen in die Zukunft – an diese glaubt man vielerorts sowieso nicht mehr. Die generelle Überalterung der Bevölkerung zeigt sich eben auch in vielen Familienunternehmen auf tragische Weise, ein frischer Wind fehlt oft gänzlich. Auf «Verwalten» setzen auch die Gewerkschaften. Sicher gehen grosse Errungenschaften für Arbeitnehmende im 20. Jahrhundert auf ihr Konto. Doch in einer global agierenden Welt sind Ladenöffnungszeiten, Sonntagsarbeit oder Mindestlöhne nicht die Schlüsselthemen für den Wirtschaftsstandort Schweiz.

Jugend als Kapital
Der «beschleunigte Strukturwandel» besteht seit Jahren, nicht erst seit der Aufwertung des Schweizer Frankens. Anstelle einer längeren schulischen Grundausbildung setzt man auf immer neue, dem Bedarf angepassten Berufslehren um das duale Bildungsmodell zu retten und hinkt der Realität hinterher. Man diskutiert Fremdsprachen und Stundentafeln vor dem Hintergrund der Finanzierbarkeit oder der Belastbarkeit der Jugend, völlig am Markt vorbei. Für ein Land wie die Schweiz sollte Dienstleistung und Innovation an oberster Stelle stehen. Sprachkompetenz, Kundenfreundlichkeit, Basiswissen, Sozialkompetenz, unternehmerisches Denken und Handeln sowie Kreativität.

Qualität vor Preis
Die Chinesen kommen ob uns das passt oder nicht. Aber auch sie schätzen Qualität vor Ramsch, sonst würden sie sich nicht für die «teure» Schweiz interessieren. Hervorragende Hochschulen und gut ausgebildete, stolze Berufsleute tragen dazu bei, dass Schweizer Arbeitskräfte zwar etwas mehr kosten, aber eben auch produktiver und verlässlicher sind als andernorts.

Frei nach einem Beitrag in der Neue Zürcher Zeitung vom 16.04.2016

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