Industrie 4.0

Daten als Innovationstreiber

Quelle auszugsweise: Daniel Gerny, NZZ 16.5.2016

Beliebig teilbar und beliebig anwendbar
Daten sind der Innovationstreiber des 21. Jahrhunderts, eine neue Form von Infrastruktur, welche die Wirtschaft befeuert und den Wettbewerb befördert. Sie sind beliebig teilbar und beliebig anwendbar. Es ist die Geschäftsidee der Weltkonzerne wie Google, Apple und Facebook. Sie setzen mit Daten Milliarden um.

Auch in der Schweiz setzt sich die Erkenntnis durch, dass Daten, die unzugänglich auf den Servern liegen, ungenutzte Reserven darstellen. Seit kurzem haben deshalb die Behörden dieses Potenzial entdeckt. Sukzessive werden neue Datensätze veröffentlicht. Ziel ist ein internationaler Spitzenrang. Der Bundesrat will die führende Stellung der Schweiz in der globalen Informationswirtschaft stärken. (Ähnliches haben wir doch schon im Zusammenhang mit der besten Armee der Welt gehört?)

Bund ortet Potenzial
«Die Publikation und Bereitstellung von Behördendaten birgt ein grosses Potenzial, das bis dato in der Schweiz nur teilweise ausgeschöpft worden ist» schrieb der Bundesrat zum Thema im April 2014. Notwendig sei eine eigentliche «Open-Data-Kultur».

■ Offene Daten erlauben privaten Unternehmen die Entwicklung neuer Informationsdienstleistungen, wodurch die Lebensqualität verbessert werde. Sie ermöglichen zudem neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung der Schweiz.

■ Offene Daten fördern generell die Transparenz. Bürgerinnen und Bürger, Parteien und Medien erhalten einen besseren Einblick in die Tätigkeit von Regierung und Verwaltung und können dadurch ihre politische Rolle und ihre gesellschaftliche Verantwortung kompetenter wahrnehmen.

■ Offene Daten erhöhen die Effizienz der Verwaltung. Behörden können ihre eigenen Daten über politische und organisatorische Grenzen hinweg besser nutzen und die Datenqualität dank den Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer sukzessive verbessern.

Niemand häuft so viele Daten an wie die Verwaltung
Dazu wurde im Februar 2016 eine vom Bundesarchiv betriebene Plattform aufgeschaltet. Dort findet man bereits einige Anwendungen, auch spielerische wie den «Dichtestressomat» der anzeigt, wie viele Einwohner die Schweiz hätte, wenn die Dichte landesweit den Wert einer bestimmten Gemeinde aufweisen würde.

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Die öffentliche Hand und ihre ausgelagerten Betriebe verfügen über Unmengen an Informationen, Statistiken, Tabellen, Katasterpläne. Fortlaufend werden neue Angaben erhoben und abgespeichert, ohne dass das schlummernde Potenzial auch nur annähernd ausgeschöpft wird. Ein Fehler, findet André Golliez, Präsident von Open Data. Denn das Wissen einer Gesellschaft, die offenen Zugang zu ihren Daten gewähre, wachse. Ihre Entwicklungsfähigkeit nehme zu. Aussenstehende wissen mit den Bits und Bytes oft mehr anzufangen als die Ersteller der Datenbanken selbst.

Ein einziger Fingerwisch
Um an einem kleinen Beispiel zu demonstrieren, was es damit auf sich hat, öffnet Golliez auf seinem Smartphone eine App, die das Suchen von Verbindungen des öffentlichen Verkehrs wesentlich einfacher macht. Es genügt, mit dem Zeigefinger eine einzige Linie zwischen zwei Punkten auf dem Bildschirm zu ziehen, um so innerhalb eines Sekundenbruchteils die Angaben für jede gewünschte Fahrt zwischen zwei Stationen innerhalb der Schweiz zu erhalten. Es ist eine kleine Erfindung, basierend bloss auf Fahrplandaten und einer cleveren Idee, die dem Erfinder zu Einnahmen verhilft und dem Nutzer das Leben vereinfacht. Das Beispiel zeigt wie private Unternehmer aus der Technologie viel mehr rausholen als der träge Staatsbetrieb.

«Service Public»
Was also wäre möglich, wenn sämtliche nicht personenorientierten Gesundheits-, Forschungs-, Geo-, Wirtschafts-, Steuer-, Adress-, Wetter-, Arbeitsmarkt-, Verkehrs- oder Umweltdaten frei nutz- und zu beliebigen Zwecken verknüpfbar wären? Es ist schwer, zu beziffern, welche wirtschaftliche Kraft von Open Data wirklich ausgeht. Vor allem ergäben sich daraus wirklicher «Service Public». Den ersten Entwicklungsschub auf diesem Gebiet habe die Schweiz verpasst, sagt der Zürcher Ständerat Ruedi Noser (fdp.) warnend – doch die zweite Halbzeit läuft: «Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel, dessen Ausmass und Folgen wir nicht kennen», meint der ICT-Unternehmer: «Wir sollten uns diese Chance nicht entgehen lassen.»

Bei den Bauern hat der Prozess bereits eingesetzt
Durch einen offenen Zugang zu den Datenbanken können ganze Wirtschaftsbereiche umgepflügt werden. Climate Corporation wurde als Startup 2006 von zwei Google-Ingenieuren gegründet und vor zweieinhalb Jahren von Monsanto übernommen. Das Geschäft der jungen Firma sind Daten – Wetterdaten, Informationen über Böden, Erntestatistiken. Diese werden von Climate Corporation so verknüpft und ausgewertet, dass sich daraus orts- und witterungsabhängige Handlungsanleitungen für die Bauern ableiten lassen. Der Effizienzgewinn ist enorm. Der Düngemitteleinsatz sinkt, die wetterbedingten Ernteausfälle verringern sich – die Marge für die Landwirtschaftsbetriebe steigt. Damit bewegt sich Monsanto weg vom blossen Verkäufer von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln hin zu einem Anbieter integraler Lösungen für Bauern auf der ganzen Welt. Die Daten kommen überdies zu einem grossen Teil vom Staat oder sind öffentlich zugänglich. Innovativ ist lediglich deren Verknüpfung.

Chancen nutzen
Dieses Potenzial gilt es zielgerichtet zu unterstützen, auch wenn der Erfolg auf Anhieb nicht immer gegeben ist. Die Beratung von Startups ist auch eine Aufgabe der älteren Generation ohne persönlichen oder finanziellen Leistungsdruck. Mentoring oder Coaching eines Teams hilft Visionen zu schärfen, Vertrauen aufzubauen und aus einem breiten Erfahrungsspektrum Situationen neutral bewerten. Das Machbare muss im Vordergrund stehen, positives Denken und Freude am Erreichbaren muss den vielen Zauderern und Besserwissern entgegenhalten.

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