Blog, Industrie 4.0

#426 – Unternehmertum: Einfluss der «Alten»

Der Traum vom Einhorn
Beim Mittagessen mit einem Startup-Gründer beklagte sich dieser, wie seine Firma auch nach über fünf Jahren noch immer keinen Gewinn abwirft. Der Traum vom «Einhorn» scheint geplatzt. Die Herausforderung sieht er bei den unterdurchschnittlichen Verkaufszahlen. Eine vermehrte Konzentration auf Marketing und Verkauf würde den Geschäftserfolg steigern, ist er überzeugt. Verkauf ist harte Arbeit und nicht jedermanns Sache. Ausdauer und eine dicke Haut um Misserfolge wegzustecken haben die wenigsten Mitarbeitenden. Generell stelle ich fest, dass immer weniger Menschen gewillte sind, die Schattenseiten erfolgreichen Unternehmertums auszuhalten. Mitarbeitende, unabhängig von deren Alter, identifizieren sich auch immer weniger mit ihrer Arbeit. Meist fehlt es auch an übergeordneten Zielen, mit denen man sich identifizieren, sich messen und beruflich wachsen kann. Was mir in der Führungsetage auffällt, sind fehlende Visionen für Projekte, die auch Raum für ein Scheitern zulassen und nicht nur von der Machbarkeit her gedacht werden. Denn Gesetzesvorschriften, finanzielle Zwänge und die Erwartungen der Investoren verhindern vielfach ergebnisoffene Forschung und Entdeckung. Unternehmen fokussieren allzu oft auf aktuelles Wissen und übersehen die Erfahrung älterer Generationen. Dabei ist es gerade die Kombination aus jugendlichem Wissen und gereifter Erfahrung, die zu den besten Lösungen führt. Wir «Alten» bringen Kontextualisierung, Risikoeinschätzung und langfristiges Denken ins Team – Fähigkeiten, die in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll sind. Siehe dazu auch meinen Beitrag auf SichtweisenSchweiz. ch vom 22. Juni 2025.

Rod Steward (80), britischer Sänger und Musiklegende, Glastenbury Festival, Somerset, England, 29. Juni 2025. Bild: BBC One Konzert TV

«Alte» suchen den Durchbruch
Für ein Startup ist ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal entscheidend. Das iPhone von Apple als Beispiel war revolutionär, weil es mehrere Technologien in einem intuitiven, eleganten Gerät vereinte – Touchscreen, Internet, Apps und Telefon in einer völlig neuen Benutzerführung. Das Gerät hat vor bald 20 Jahren die Welt revolutioniert und wurde zum Kultobjekt, das verschiedene existierende Technologien auf völlig neue Weise verband. Die Marketingkampagnen fokussierten auf diesen Effekten, beispielsweise die Nutzung der Kamera für Bilder von «Studioqualität». Hier sind Ansätze, um ein ähnlich durchschlagendes Merkmal für das oben erwähnte Startup zu entwickeln: Wie Apple verschiedene existierende Technologien auf völlig neue Weise verband, könnte die Plattform für digitale Zusammenarbeit im Planungs- und Bausektor, bestehende Lösungen in unerwarteter Kombination nutzen. Zum Beispiel künstliche Intelligenz KI, respektive der Einsatz von persönliche Agenten, in Verbindung mit Blockchain zur Speicherung und das Internet of Things IoT für ein spezifisches Problem. Das iPhone eliminierte die Komplexität früher Smartphones. Genauso muss das Startup Bereiche identifizieren, wo Menschen täglich frustriert sind. Dazu gehört die Benutzerinteraktion, die heute eine Sprachsteuerung, Gestensteuerung oder Brain-Computer-Interfaces sein könnte. Statt reinem Produkt denken, könnte man in Anlehnung an das iPhone, welches zur Plattform für Apps wurde, das Gefäss zum Grundstein für ein ganzes Ökosystem denken. Es gilt herauszufinden, welche Technologien heute «reif» sind für eine neue Anwendung, eine Aufgabe für die Jungen im Team. Wir «Alten» müssen aus Erfahrung wissen, in welcher Branche oder für welches Problem wir nach einem Durchbruch suchen.

Rod Steward (80), britischer Sänger und Musiklegende, Glastenbury Festival, Somerset, England, 29. Juni 2025. Bild: BBC One Konzert TV

Im Vergleich zum Wissen wird Erfahrung nie obsolet
Eine Herausforderung bei allen Überlegungen bleibt das Interesse und die Erfahrung der am Projekt involvierten Mitarbeitenden. Die Entwicklung einer Idee bis zur Marktreife in einem Startup ist eben mehr als ein 9-5 Job. Viel Herzblut geht in die Zusammensetzung geeigneter Teams und die Suche nach Kompetenz. Wir «Alten» verfügen zwar über viel Erfahrung, im Gegensatz zu den «jungen Wilden», die das notwendige Wissen über die aktuelle Technologie mitbringen. Dieses Wissen ist explizit, dokumentierbar und übertragbar. Es lässt sich in Handbüchern festhalten, in Datenbanken speichern oder in Schulungen vermitteln. Doch Wissen altert schnell – was vor zehn Jahren in der IT galt, ist heute oft obsolet. Demgegenüber entstand die Erfahrung der «Alten» durch das Durchleben von Situationen, das Scheitern und Wiederaufstehen, das Spüren von Mustern und Zusammenhängen. Erfahrung umfasst das «Wie» und «Wann» – nicht nur das «Was». Sie beinhaltet emotionale Intelligenz, Intuition und die Fähigkeit, in unbekannten Situationen zu navigieren. Für uns «Alte» bedeutet das: unser Wissen mag teilweise veraltet sein – unsere Erfahrung ist es nicht. Wer mehrere Wirtschaftskrisen durchlebt hat, bringt eine andere Gelassenheit und Urteilsfähigkeit mit als jemand, der nur Wachstum kannte. Wer verschiedene Technologiewandel miterlebt hat, versteht die Mechanismen des Wandels selbst – auch wenn er die neueste App nicht bedienen kann.

Rod Steward (80), britischer Sänger und Musiklegende, Glastenbury Festival, Somerset, England, 29. Juni 2025. Bild: BBC One Konzert TV

Generative künstliche Intelligenz GenKI erweitert unsere Handlungsfähigkeit
Einige von uns «Alten» verpassten jedoch den richtigen Zeitpunkt um uns auf die Zeit nach der Industrialisierung vorzubereiten. Wir hatten die Zeichen des Umbruchs nicht früh genug erkannt, wollten die verbleibenden Jahre bis zur Pensionierung möglichst ruhig aussitzen. Oder das KMU, entgegen aller Alarmglocken, wie gehabt weiterbetreiben. Wir waren uns zu wenig bewusst, wie rasant die Technologie unsere Gesellschaft verändert. Wir sind von der verarbeitenden Industrie des 20. Jahrhunderts zu einer wissensbasierten Wirtschaft mit Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert übergegangen. Diese «Industrie 4.0» schafft kaum mehr Arbeitsplätze, weil moderne Fabriken grösstenteils mit Robotern funktionieren. Die Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Es wurden in den letzten 40 Jahren Fehler gemacht. Zum Beispiel, dass wir den Menschen, die durch die Deindustrialisierung ihren Job verloren haben, nicht geholfen haben, neue, produktivere Jobs zu finden sagt der Nobelpreisträger und Professor an der Columbia University in New York, Joseph Stiglitz (82) im Interview von Dieter Bachmann in der NZZ vom 13. Juni 2025. Man müsste mit Umschulungen und Ausbildung dafür sorgen, dass die abgehängten Teile der Bevölkerung wieder eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Um das zu erreichen braucht es jedoch den Willen auf beiden Seiten, der Arbeitgebenden wie auch der Arbeitnehmenden. Die Entwicklungen im Bereich der generativen künstliche Intelligenz GenKI bringen tiefgreifende Veränderungen bei (Wissens-)Arbeit und Beschäftigung mit sich. GenKI ist ein Teilbereich im Feld der künstlichen Intelligenz, die nicht nur unsere Werkzeuge verändert, sondern die Logik von Arbeit selbst. Und sie tut das schneller, als viele Systeme adaptieren können.
Menschen müssen lernen neu zu denken, Zusammenarbeit neu zu gestalten, Zukunftsfähigkeit gemeinsam bauen. Denn viele klassische Rollen (wie beispielsweise Office Support) verschwinden oder verändern sich radikal. Gefragt sind nicht mehr nur IT-Kenntnisse, sondern Zukunftskompetenzen wie Kollaboration, Systemdenken und Selbstführung. GenKI wirkt dabei wie ein Exoskelett: Sie erweitert unsere Handlungsfähigkeit.

Rod Steward (80), britischer Sänger und Musiklegende, Glastenbury Festival, Somerset, England, 29. Juni 2025. Bild: BBC One Konzert TV

Die Potenziale digitaler Lernumgebungen
Die Digitalisierung ist einer der zentralen Treiber des Wandels auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Berufe und Tätigkeiten verändern sich und zwingen durch Aus- und Weiterbildung, den Wandel mitzugestalten. Routinetätigkeiten treten in den Hintergrund, während Fähigkeiten wie kritisches Denken, kreative Problemlösung oder digitale Kompetenz immer stärker gefragt sind. Im Beitrag vom 16. Juni 2025 in Transfer.vet online, beschreibt Peter Bühlmann (60), Projektleiter am D-VET Hub, wie künstliche Intelligenz – das maschinelle Lernen – auch in der Berufsbildung ankommt. Beim digital Vocation, Education and Training (D-VET) Hub an der «École Polytechnique Fédérale de Lausanne» (EPFL), geht es um die Entwicklung neuartiger Modelle und Algorithmen, die hochgradig individualisierte Lernwerkzeuge ermöglichen, um den Lernerfolg zu optimieren und die Lernenden auf das lebenslange Lernen vorzubereiten. Aus der Perspektive des maschinellen Lernens besteht ein Bedarf an Modellen und Algorithmen, die in der Lage sind, das Wissen und die Lernstrategien der Studierenden als Grundlage für die Individualisierung genau darzustellen und vorherzusagen. Wir «Alten» leisten mit unserer Erfahrung einen Beitrag zur Entwicklung digitaler Lernumgebungen, die eine gleichzeitige Förderung von Fachwissen, beruflichen Handlungskompetenzen und überfachlichen Lernkompetenzen ermöglichen. Die Vorteile des dualen Berufsbildungssystems der Schweiz können weiter gestärkt werden, indem die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Lernorten – Berufsfachschulen, Unternehmen und überbetrieblichen Kursen – durch digitale Lösungen verbessert wird.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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