Blog, Industrie 4.0

#418 – Resilienz und Gelassenheit von «Alten»

Das Undenkbare denken
Das Assessment der US-Regierung nach 100 Tagen der neuen Präsidentschaft erstaunt vor allem wegen der Geschwindigkeit und der weltweiten Wirkung von Beschlüssen. Es wird gerätselt ob hinter den Veränderungen ein grösserer Plan steht, oder ob die Regierung nach dem Prinzip – Trial and Error (Versuch und Irrtum) agiert. Der tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) fand den Begriff «kreative Zerstörung», welcher einen wesentlichen Aspekt disruptiver Innovation beschreibt. Man könnte das Konzept auch als «schöpferische Erneuerung» oder «transformative Umgestaltung» bezeichnen und damit stärker den konstruktiven Aspekt des Prozesses betonen – dass aus der Zerstörung des Alten etwas Neues und oft Besseres entsteht. In ihrem Kurzreferat (5:41) auf der Plattform TEDNext 2024 • October 2024, spricht Jane McGonigal (47), amerikanische Autorin und Spieleentwicklerin in drei hypothetischen Szenarien darüber, wie man die Zukunft voraussieht – und sich darauf vorbereitet. Als Futuristin, die Menschen hilft, sich auf alle möglichen Möglichkeiten vorzubereiten, ist Jane McGonigal der Meinung, dass wir Wörter wie «undenkbar» und «unvorstellbar» überstrapazieren. Sie zeigt auf, wie man die Fähigkeit zum kreativen Denken fördern, neue Risiken antizipieren und sich auf alles vorbereiten kann, was die Zukunft bringen mag. Wir «Alten» kennen solche Situationen aus der Geschichte und waren in unserem Leben Zeugen vieler Disruptionen. Diese Erfahrung befähigt uns, zusammen im Team mit den «jungen Wilden», als Mentoren oder Sparringspartner, «Krisen» mit Gelassenheit kreativ zu begleiten.

David Hockney (87): Bigger & Closer (not smaller & further away) | Factory International, LIGHTROOM Produktion, North Warehouse, Aviva Studios, Manchester GB, 2025

Resilienz aus Kontingenz
Dabei leben wir in einer Zeit, wo schon kleinste Störungen unseren Alltag durcheinander wirbeln können. Unsere Resilienz ist geschwächt, «Jeder fühlt sich heute gedemütigt» findet der Soziologe Heinz Bude (71) und fragt, wo unser Lebensmut geblieben ist. Im Kommentar von Birgit Schmid, Berlin, NZZ vom 30. April 2025 stellt sie sich Heinz Bude als Boomer vor. Einen Boomer, wie er, der Soziologe, ihn selber definiert: einen Menschen von heiterer Gelassenheit selbst angesichts von Krisen und Katastrophen. Er nennt es «lakonischen Existenzialismus». Dieser zeichne die Generation der geburtenstarken Jahrgänge aus. Mit Geburtsjahr 1954 zählt sich Bude knapp noch zu der Kohorte, die so schnell nichts umwirft. Der emeritierte Professor ist einer der bedeutendsten Soziologen Deutschlands. Er hat Bücher über die Gesellschaft der Angst, über Solidarität und die Macht von Stimmungen geschrieben. Gelassen seziert er die Gegenwart, in der sich so viel ereignet, dass es vielen «zu viel» wird. Seit ein paar Jahren konstatiert Bude eine «grosse Gereiztheit» in der Gesellschaft. Die Menschen sähen sich technologischen Entwicklungen ausgeliefert, sie fühlten sich verlassen, bevormundet, übergangen. Abstiegsängste plagten sie, Erschöpfungsdepressionen, und die Politik verdriesse sie nur noch. Allerdings reklamiert Bude für seine Generation eine Haltung, die zum Vorteil werden kann in einer Zeit der Polykrisen. Weshalb also gelingt es uns «Alten» besser, mit den Zumutungen der Gegenwart umzugehen, während die Jüngeren das Weltgeschehen zunehmend zu bedrücken scheint? Den Blick der Boomer auf die Welt hätten zwei Krisen in den 1980er Jahren geprägt, so Bude: Aids und Tschernobyl. Dies habe zu einer «Resilienz aus Kontingenz» geführt. Damit meint er eine psychische Robustheit, die man sich zulegt, weil man jederzeit mit etwas Unvorhergesehenem rechnet. Weil wenig sicher ist, kann vieles anders werden und das schütze vor Resignation und Verbitterung.

David Hockney (87): Bigger & Closer (not smaller & further away) | Factory International, LIGHTROOM Produktion, North Warehouse, Aviva Studios, Manchester GB, 2025: 19.20mx10.80m

Inklusion fördert Produktivität und Engagement
Inklusion nicht aktiv zu fördern, ist ein strategischer Fehler, schrieb Jérôme Oguey, Betriebsökonom FH und Coach, Gründer und Geschäftsführer von INLEAD® in KMU_today online am 1. April 2025. Ohne Inklusion bleibt das Innovations- und Leistungspotenzial von Vielfalt ungenutzt. Noch kritischer: Talente könnten das Unternehmen schneller verlassen, was den Fachkräftemangel weiter verschärft. Auch KMU können Inklusion schrittweise und mit geringen Mitteln fördern. Inklusion wird häufig im Zusammenhang mit Vielfalt, Diversität oder auch Heterogenität genannt und in Bezug auf unterrepräsentierte Gruppen und Diskriminierung diskutiert. Dies ist zwar richtig, greift aber zu kurz. Auch wir «Alten» müssen im Zusammenhang mit Inklusion genannt werden. Studien zeigen, dass Inklusion auch unabhängig vom Diversitätsmanagement Vorteile bietet. Inklusive Arbeitskulturen basieren auf Offenheit, Respekt, Vertrauen, Transparenz und psychologischer Sicherheit. Hier fühlen sich Führungskräfte und Mitarbeitende wertgeschätzt und sicher, ihre Meinung zu äussern und einen konstruktiven Beitrag zum grossen Ganzen zu leisten. Studien zeigen, dass Produktivität und Engagement in solchen Kulturen höher sind als in weniger inklusiven.

Dienst nach Vorschrift
Laut einer Pressemitteilung am 23. April 2025 in KMU_today sind mit 45 Prozent nicht einmal mehr die Hälfte der schweizer Beschäftigten zufrieden und zuversichtlich mit dem eigenen Leben. Zudem sind nur wenige im Job voll engagiert. An der Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup zwischen April 2024 und Dezember 2024 nahmen 227’000 Beschäftigte in 149 Ländern teil, davon über 52’000 in Europa. Die Schweiz belegt im europäischen Vergleich Platz 22. Seit der Aufhebung des Lockdowns nach der Corona-Pandemie ging es auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich markant bergab. Die nordischen Staaten wie Finnland, Island, Schweden, Niederlande oder Dänemark gehören weiterhin zu den Top Ländern in Sachen Zufriedenheit und Zuversicht in Europa. Laut dem Gallup-Forschungsleiter für Europa, Marco Nink, sind die Gründe für unsere Unzufriedenheit die steigenden Lebenshaltungskosten, schwindendes Vertrauen in die Politik und Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung. Im Gegensatz zu vielen von uns «Alten», die sich nach wie vor in ihrem Job engagieren, hat die emotionale Bindung an die Arbeitgebenden generell abgenommen. Nur acht Prozent der schweizer Beschäftigten sind mit ihren Chefs zufrieden. Dagegen machen 83 Prozent nicht mehr als nötig und fast zehn Prozent hätten innerlich bereits gekündigt, was die Volkswirtschaft belastet. Angesichts dem scheinbar grassierenden Fachkräftemangel ist die Zeit für uns «Alte» gekommen. Auf Grund unserer Erfahrung, Kompetenz, Loyalität und Ausdauer sind wir ideale Partner, auch für Interimslösungen in KMUs ohne lange Einarbeitungszeit.

David Hockney (87), Bigger Trees near Warter, Post-Photographie-Bearbeitung, 2007, 50 parts, à 91.4 × 121.9 cm, total 457.2 × 1219.2 cm Bild: © David Hockney, Fondation Louis Vuitton, Paris, 2025

Konkurrenz als Antrieb
Damals waren die Boomer zu viele sagt Heinz Bude, und aus diesem Gefühl erwuchs eine hohe Leistungsbereitschaft. Denn die Zahl der Konkurrenten ist gross, also braucht es einen starken inneren Antrieb, um etwas zu erreichen. Nur fünf Prozent der Boomer-Jahrgänge hätten keinen Berufsabschluss. Heute liege die Zahl in Städten wie Berlin bei 20 Prozent. Man musste besser sein, sich gegen den Banknachbarn durchsetzen. «Gleichzeitig war da das tröstliche Gefühl, dass es anderen auch so geht und man nicht alleine ist.» Mit Blick auf die «jungen Wilden» lässt er deren identitätspolitischen Eifer jedoch nicht durchgehen. Bude spricht von der «Verrechtlichung der Lebenswelt», dem Wunsch, alles geregelt zu haben. Damit nichts Ungerechtes geschieht, erkennt er eine Verzagtheit und Verlorenheit, die bei uns «Alten» seltener anzutreffen ist. Glücklicherweise wendet sich der Zeitgeist und das vernünftige Argument könnte wieder mehr gelten als verletzte Gefühle.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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