Eigenverantwortung dank Allgemeinbildung
Gestern Nachmittag beim Einkaufen im Coop. Eine Gruppe junger Burschen versperrt den Weg zu den Regalen. Alle eifrig diskutierend. Guten Tag der Herr, werde ich begrüsst. Weshalb seid ihr nicht in der Schule an einem Dienstagnachmittag, frage ich. Wir sind hier mit der Schule, antwortet der «Anführer». Mit dem Lehrer? Jawohl, sehen Sie den Mann dort an der Kasse? Ich glaube euch nicht, ihr schwänzt die Schule. Ihr seid noch jung und da gibt es noch soviel zu lernen, schade dass euch das nicht interessiert. Ich gehe weiter und die Gruppe wünscht mir einen schönen Nachmittag. Mich beschäftigen solche Situationen, weil ich dabei immer an die verpassten Chancen für die Zukunft dieser Menschen denken muss. Unser duales Bildungssystem wird zwar immer wieder gelobt und sogar als Exportschlager in die Waagschale geworfen, um über die Zölle mit den USA zu verhandeln. Die USA quasi als Entwicklungsland, mit enormem Fachkräftemangel. Dagegen soll die dreijährige Ausbildung zur Serviceangestellten oder zum Koch helfen. Rückblickend auf meine eigenen Erfahrungen, Welschlandjahr, dann Hochbauzeichnerlehre, Schweizer Fachhochschule, Auslandaufenthalt und Studium in GB und USA, anschliessender Lehrtätigkeit und eigenem Büro, scheint mir das System Highschool der USA nicht wirklich schlechter zu sein. In den Semesterferien jobben diese jungen Leute bei Mac Donald’s oder im nachbarlichen Coffeeshop und lernen mit sauberen Händen Kunden zu bedienen, freundlich und respektvoll zu sein und erscheinen pünktlich zur Arbeit. Das (freiwillige) Trinkgeld errechnet sich aus dem unternehmerischen Verhalten der jungen Leute. Basis ist nicht nur die Lehre, sondern ein Kommitment auf allen Seiten, Eltern, Arbeitgebende und Arbeitnehmende. Die Highschool lehrt eben auch «Unternehmertum»: Heranwachsende lernen eigenverantwortlich mit gestärktem Selbstwertgefühl, ohne kantonal verordnete «Schnupperlehre», ihre Grenzen und Fähigkeiten kennen. Wir «Boomer» lernten diese Eigenschaften damals noch in der Rekrutenschule, im Sprach- oder Auslandaufenthalt, oft auch gegen unseren Willen. Und wir profitieren heute noch von diesen Erfahrungen.
Kinder im Arbeitsprozess, «Alte» auf dem Abstellgleis
Die obligatorische Schulbildung bis zum 18. Altersjahr in den USA , statt lediglich bis zum 14. oder 15. Kindesalter in der Schweiz, legt einen wichtigen Grundstein: Allgemeinbildung. Nicht nur auf jeder Stufe wiederholt die Schlacht am Morgarten, sondern aktuelle geopolitische Ereignisse gehören in den Geschichtsunterricht. Mathematik lässt sich mit Finanzthemen verbinden oder Chemie wird anhand von Materialkreisläufen erklärt, «learning by doing» eben. Dies bringt mich zum eigentlichen Punkt meiner Kritik an der gegenwärtigen Mangelsituation. Über 50-jährige finden trotz Fachkräftemangel keine Anstellung mehr, wird breit kolportiert und man ruft nach staatlichen Eingriffen. Arbeitgebenden dürfen jedoch erwarten, dass sich die Bewerbenden weitergebildet haben, mit den aktuellen Technologien vertraut sind und ohne lange Einarbeitungszeit, gewinnbringend eine gewünschte Aufgabe erledigen. Manche Ü-50 andererseits halten an ihren Erfahrungen der letzten 30 Jahre fest, wissen wie es geht und bekunden Mühe mit jüngeren Vorgesetzten. Viele haben das Staunen verlernt und sehen den technologischen Fortschritt als Bedrohung. Für mich sind dies die Auswirkungen mangelnder Allgemeinbildung und viel zu früher Spezialisierung. Intellektuelle Fähigkeiten und die notwendigen Kompetenzen fehlen und schränken die Sicht für Neues ein. Man ist dazu verdammt, den gewohnten Weg weiter zu gehen. Dabei gäbe es unzählige Möglichkeiten für eine Veränderung, um vielleicht das Hobby zum Beruf zu machen, auch ohne Fähigkeitsausweis. Eine solide Grundausbildung und nach der Lehre möglicherweise eine höhere Weiterbildung eröffnen neue Wege auch für uns «Alte».
Vertrauen und Kommunikation auf Augenhöhe
Lebensläufe dürfen durchaus Lücken aufweisen, schliesslich sind wir Menschen keine Roboter. Nicht alles muss auf Anhieb gelingen und man darf zu seinen Fehlern stehen. Tatsache ist, dass künstliche Intelligenz KI und Digitalisierung fast sämtliche Prozesse verändern. Damit müssen auch wir «Alten» zurecht kommen. Eine gute Allgemeinbildung befähigt schnelles lernen und macht uns anpassungsfähig. Wir sehen Veränderungen mit Gelassenheit entgegen und vertrauen auf unsere Kompetenzen. Nicht nur das biologische Alter eines Menschen, sondern sein schulischer Rucksack und die schnelle Auffassungsgabe sind entscheidend. Es gibt genügend Junge, welche in antiquierten Denkmustern verharren. Auf Seiten Arbeitgebenden gehören Stellenbeschriebe angepasst. Robotik, Materialtechnologie oder Konsumentenwünsche gilt es abzubilden. Neue Jobprofile oder interdisziplinäre Ansätze verlangen nach entsprechenden Beschrieben. Mitarbeitende die bereits im Betrieb sind, sollen die Möglichkeit erhalten sich ebenfalls zu bewerben. Beim Einsatz von KI im Personalwesen ist Vorsicht geboten, denn diese Programme machen präzise Abgleichungen zwischen Lebenslauf und Jobprofil, ohne menschlichen Ermessensspielraum. Anstelle von Hochglanzbewerbungen bringt das persönliche Gespräch mit Kandidaten immer noch die besten Resultate für Arbeitgebende und Arbeitnehmende. Schlussendlich muss jemand ins Team und zur gelebten Unternehmenskultur passen. Dazu braucht es Vertrauen und Kommunikation auf Augenhöhe.
Generative künstliche Intelligenz als Herausforderung
Die Entwicklungen im Bereich der generativen künstliche Intelligenz GenKI bringen tiefgreifende Veränderungen bei (Wissens-)Arbeit und Beschäftigung mit sich. GenKI ist ein Teilbereich im Feld der künstliche Intelligenz. Ein Nutzer auf LinkedIn postete am 7. Mai 2025, wie er sich den neuesten Arbeitsbericht der University of St.Gallen zu GenKI, Wissensarbeit und Personalentwicklung etwas genauer angeschaut hat. Die Kernaussage für ihn ist, wie generative künstliche Intelligenz GenKI nicht nur unsere Werkzeuge verändert, sondern die Logik von Arbeit selbst. Und sie tut das schneller, als viele Systeme adaptieren können. Zukunftsgerichtetes Lernen ist für ihn deshalb enorm relevant. Menschen müssen lernen neu zu denken, Zusammenarbeit neu gestalten, Zukunftsfähigkeit gemeinsam bauen. Denn viele klassische Rollen (wie beispielsweise Office Support) verschwinden oder verändern sich radikal. Gefragt sind nicht mehr nur IT-Kenntnisse, sondern Zukunftskompetenzen wie Kollaboration, Systemdenken und Selbstführung. GenKI wirkt wie ein Exoskelett: Sie erweitert die Handlungsfähigkeit.
Maschinen im Team mit Menschen
Laut dem Bericht kommt es zu Veränderungen bei der Nachfrage nach Arbeitskraft und Kompetenzprofilen. Und die Häufigkeit von Wechsel in andere Berufsfelder wird zunehmen. Unternehmen müssen deshalb ihr Personalmanagement und die Personalentwicklung hinterfragen. Auch Stellensuchende müssen sich mit der erhöhten Arbeitsproduktivität, einer Zunahme von Automatisierung und mehr Augmentation befassen. Es wird erwartet, dass sich solche Veränderungen mit Fortschritten im Bereich der «agentischen KI» weiter akzentuieren. Solche Systeme agieren autonom, treffen Entscheidungen und können Aufgaben mit minimalem menschlichen Eingriff ausführen. Die Agenten sind in der Lage, aus Interaktionen zu lernen, sich an neue Situationen anzupassen und ihre Leistung im Laufe der Zeit zu verbessern. Sie sind darauf ausgelegt, komplexe Ziele zu verfolgen und nutzen häufig Techniken wie Large Language Models (LLMs) und maschinelles Lernen, um Daten zu analysieren, Ziele zu setzen und Massnahmen zu ergreifen. Die Sicht der Arbeitnehmenden auf diese Entwicklungen ist uneinheitlich. Auf der einen Seite gibt es Erwartungen, von diesen Entwicklungen persönlich profitieren zu können. Auf der anderen Seite gibt es Sorgen vor negativen Auswirkungen für die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, speziell unter uns «Alten».
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