MEMORY: Gegen das Vergessen
Im Gegensatz zu jüngeren Generationen haben wir «Alten» den Vorteil unserer Erfahrung. Doch diese stammt noch aus der Zeit vor der Erfindung des World Wide Web, 1989 am CERN in Genf durch Tim Berners-Lee. Die Öffnung des Internets für kommerzielle Zwecke und Privatpersonen im Jahr 1990 führte zu einer Explosion der Nutzerzahlen und hat unser Leben radikal verändert, von der Art, wie wir kommunizieren, bis hin zu unserem Zugang zu Informationen. Vor dem Internet-Zeitalter wurden Informationen analog überliefert, oft unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit. Unser Wahrheitsanspruch wurde entsprechend kultureller Normen und Werte immer wieder dem Zeitgeist angepasst. Für uns «Alte» bleiben die Erinnerungen, Verhaltensweisen, aber auch Vorurteile.
Was darf man auf sozialen Netzwerken noch sagen?
Die EU geht mit einem Gesetz gegen Auswüchse bei grossen Online-Portalen vor. Zwischen Thierry Breton, EU-Kommissar für den Binnenmarkt und Elon Musk, Eigentümer des Kurznachrichtendienstes X hat dies zu einem heftigen Streit geführt. Unter dem Titel «Gefährdung der Meinungsfreiheit? EU-Kommissar Breton und Unternehmer Musk streiten über neues Gesetz» schrieb Daniel Imwinkelried, Brüssel, in der NZZ vom 14. August 2024 zu den aktuellen Diskussionen. Das Gesetz über digitale Dienste, «the Digital Services Act DSA», stellt ein Rahmenwerk dar, um Vorkehrungen gegen Falschmeldungen und irreführende Informationen zu treffen, die Nutzer über die Plattformen sozialer Netzwerke verbreiten. Der EU- Kommissionssprecher betont, dass die DSA keinesfalls dazu da sei, Aussagen von Individuen zu unterdrücken. Dort sehen Kritiker hingegen einen Versuch der EU, die Meinungsfreiheit einzuschränken und sich gar in die Innenpolitik anderer Staaten einzumischen.
Doch was ist wahr?
Die Betreiber der sozialen Netzwerke müssen gemäss der EU über Instrumente verfügen, die ihnen erstens helfen, falsche oder illegale Aussagen von der Plattform zu entfernen. Zweitens müssen die Portale über Funktionen verfügen, die es Nutzern ermöglichen, vor irreführenden Meldungen gewarnt zu werden oder Videos als Werke zu kennzeichnen, die mit künstlicher Intelligenz manipuliert worden sind. Doch was ist wahr und wer beurteilt dies? In Ihrem Beitrag auf TED-Ed • Juni 2021, mit dem Titel «How do you know what’s true?» (4:53) befasst sich Sheila Marie Orfano mit dieser Frage. Neurowissenschafter haben herausgefunden, dass unsere Interpretation visueller Informationen bei der Bildung einer Erinnerung von unseren früheren Erfahrungen und inneren Vorurteilen beeinflusst wird. Einige dieser Vorurteile sind individuell, andere sind jedoch universeller Art. Beispielsweise kann eine egozentrische Voreingenommenheit Menschen dazu veranlassen, ihre Erinnerungen unbewusst so umzugestalten, dass ihre Handlungen in einem positiven Licht erscheinen. Selbst wenn wir eine Erinnerung genau kodieren könnten, werden beim Abrufen neue Informationen einbezogen, welche die Erinnerung verändern. Und wenn wir uns später an dieses Ereignis erinnern, erinnern wir uns normalerweise an die ausgeschmückte Version und nicht an die ursprüngliche Erfahrung. Wir «Alten» erkennen diesen Vorgang aus der eigenen Biografie.
Der Rashomon-Effekt
Sheila Marie Orfano bedient sich bei ihrer Betrachtung am Beispiel des «Rashomon»-Effekts. 1950 adaptierte der japanische Filmemacher Akira Kurosawa zwei Kurzgeschichten aus «In a Grove», besser bekannt unter dem Namen «Rashomon» des japanischen Autors Ryūnosuke Akutagawa, in einem Film. Dieser hat der Welt eine bleibende kulturelle Metapher vorgestellt, welche unser Verständnis von Wahrheit, Gerechtigkeit und menschlichem Gedächtnis verändert hat. Der Rashomon-Effekt beschreibt eine Situation, in der Personen deutlich unterschiedliche, aber gleichermassen nachvollziehbare Darstellungen des gleichen Ereignisses geben. Diese zugrunde liegenden psychologischen Phänomene bedeuten, dass der Rashomon-Effekt überall auftreten kann. In der Biologie veröffentlichen Wissenschafter, die vom gleichen Datensatz ausgehen und die gleichen Analysemethoden anwenden, häufig unterschiedliche Ergebnisse. Anthropologen setzen sich regelmässig mit dem Einfluss auseinander, den persönliche Hintergründe auf die Wahrnehmung eines Experten haben können.
Akzeptieren wir die Mehrdeutigkeit
Es ist verlockend, sich darauf zu fixieren, warum wir konkurrierende Wahrnehmungen haben, aber die vielleicht wichtigere Frage, die der Rashomon-Effekt aufwirft, ist: Was ist überhaupt Wahrheit? Gibt es Situationen, in denen es keine «objektive Wahrheit» gibt? Was können uns verschiedene Versionen desselben Ereignisses über die Zeit, den Ort und die beteiligten Personen sagen? Und wie können wir Gruppen-entscheidungen treffen, wenn wir alle mit unterschiedlichen Informationen, Hintergründen und Vorurteilen arbeiten? Wie mit den meisten Fragen gibt es auch auf diese keine eindeutige Antwort. Aber die anhaltende Bedeutung von Akutagawas Geschichte legt nahe, dass es wertvoll sein kann, die Mehrdeutigkeit zu akzeptieren. Dies gilt auch für das Trainieren von Programmen der künstlichen Intelligenz, wo das kollektive Gedächtnis von uns «Alten» einen entscheidenden Einfluss darstellt.
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