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#489 – Technokratie und wir «Alten»

Das menschliche Verständnis im Mittelpunkt
Open AI in Zusammenarbeit mit der «Advisory Group on Mathematics and Artificial Intelligence» an der Princeton University, hat dieser Tage die Lösungen von 377 weiteren mathematischen Problemen bekanntgegeben. Schon als die künstliche Intelligenz KI mithilfe von Agenten, vor Monatsfrist scheinbar eines der sieben berühmten Millenniumsprobleme von Navier-Stokes gelöst hatte, war die Aufregung unter Mathematikern gross. Die zwischenzeitlich gelösten Probleme kommen aus den verschiedensten Gebieten der Mathematik. Zahlentheoretische Probleme befinden sich ebenso darunter wie Probleme aus der Algebra, der Gruppentheorie, der Wahrscheinlichkeitstheorie oder der theoretischen Informatik. So konnte die KI zum Beispiel eine berühmte mathematische Fragestellung beantworten, die der deutsche Mathematiker David Hilbert im Jahr 1900 auf dem internationalen Mathematikerkongress in Paris aufgeworfen hatte. Der Wissenschaftsjournalist Christian Speicher (64), beschreibt in der NZZ vom 8.Oktober 2026, wie die KI im Schnitt nur drei Stunden pro Problem brauchte, an denen berühmte Mathematiker bisher vergeblich gearbeitet hätten. Dem Vernehmen nach wurden die Mehrzahl der Beweise von natürlicher Sprache in Computersprache übersetzt und mit «Lean» verifiziert, dem quelloffenen Beweisassistenten und einer funktionalen Programmiersprache, die vom brasilianischen Informatiker Leonardo de Moura (50+) entwickelt wurde. Das sollte für deren Richtigkeit bürgen. Für die anderen Beweise soll diese formale Verifikation nachgeholt werden. Open AI hat die Ergebnisse auf der Online-Plattform Github veröffentlicht, schreibt Speicher. Diese Veröffentlichungen seien kein Beweis für wissenschaftliche Seriosität, findet die «Association for Human Mathematics» und fordert Mathematiker dazu auf, die Zusammenarbeit mit Open AI einzustellen und zu einer Vision von Wissenschaft zurückzukehren, in deren Mittelpunkt das menschliche Verständnis stehe.

Künstliche Intelligenz KI und Menschenbild
Die Künstliche Intelligenz stellt unser Menschenbild infrage. Das ist aber kein Grund zur Beunruhigung, schreibt Chefredaktor Christoph Zürcher (61) im Kommentar der NZZ am Sonntag vom 11. Oktober 2026. Die Pro-Human-Bewegung sorgt sich im Best-Case-Szenario weniger um den Verlust von Jobs als um die Identität des Menschen schlechthin. «Was sind wir noch», fragen sie, «wenn KI alles für uns erledigt, auch die Denkarbeit?» Elon Musk auf solche Bedenken angesprochen meinte: «Sinn, Lebenssinn zu finden, könnte zum Problem werden.» Christoph Zürcher hat keine Ahnung, was uns die KI noch bringt. Doch scheint ihm, zumindest die Pro-Humans übertreiben ein bisschen. Sie verteidigen ein zu einseitiges Menschenbild, eines, das sich im Grunde nur über das Tun und nicht auch über das Sein definiert, weitgehend eine Erfindung der Reformation. Erst dieses verankerte Arbeit als Gottesdienst im Alltag, ein Ethos, dem der Soziologe Max Weber (1864-1920) bekanntlich den Siegeszug des Kapitalismus zuschrieb. Christoph Zürcher glaubt, dass sich in der Antike, im Kreise der Meinungsführer, vermutlich wenige in ihrem Selbstverständnis von der allumfassenden Arbeitsamkeit der KI bedroht gefühlt hätten. Doch der Mensch ist nicht nur Mensch weil er macht, sondern weil er ein Leben führt. In der östlichen Philosophie ist dieser Gedanke seit Jahrtausenden präsent.

Technokratiemonade, das offizielle Symbol von Technocracy Inc. – Technokratische Bewegung –
Die Zukunft ist jetzt: Copyright © Spartawolf, britischer online Kreator, Autor und Gamer

Männer aus der Vergangenheit als Visionäre
«Männer wie Elon Musk oder Peter Thiel geben sich als Visionäre. Aber sie sind Männer der Vergangenheit», sagt die Historikerin Jill Lepore (60) im Interview mit der Ressortleiterin International, Gordana Mijuk (53) in der NZZ am Sonntag vom 11. Oktobewr 2026. Die Demokratie werde derzeit von Techunternehmern ausgehöhlt, mahnt die amerikanische Harvard-Professorin. Die Bürger würden geblendet von den Heilsversprechen dieser Leute, dabei seien deren Ideen alt. Jill Lepore glaubt, der Niedergang der Demokratien vielerorts ist zum Teil auf einen tiefgreifenden Wandel zurückzuführen, der schon weit vor der Wahl von Präsident Donald Trump begann. Die Bürger in liberalen Demokratien geben ihre Souveränität und Autonomie auf. Sie haben hauptsächlich amerikanischen Konzernen erlaubt, die Rolle des öffentlichen Diskurses zu übernehmen, über deren Social- Media-Kanäle. Die meisten Menschen beziehen ihre Nachrichten über Tiktok oder Instagram, wo es mehr Bots als Menschen gibt. Der öffentliche Raum, der für eine liberale Demokratie entscheidend ist, existiert für viele Menschen einfach nicht mehr. Die Techunternehmer weigern sich, demokratischen Institutionen Rechenschaft abzulegen. Das ist eine völlige Abkehr von den Institutionen, für welche die Menschen jahrhundertelang gekämpft haben. Musk, Thiel und andere geben sich als Visionäre, predigen das Evangelium der disruptiven Innovation: «Wir werden ewig leben, in einem Zeitalter von unendlichem Wohlstand und Überfluss und guter Gesundheit.» – Das sind Geschäftsleute, keine Männer der Zukunft. Das sind Männer der Vergangenheit.

Rezyklieren der Technokratiebewegung
Es gibt tatsächlich keinen Grund zu glauben, dass Leute wie Musk (55), Marc Andreessen (55) oder Peter Thiel (59) besonders originelle politische Ideen hätten. Sie rezyklieren lediglich Vorstellungen des 20. Jahrhunderts, einschliesslich jener der Technokratie-Bewegung in den 1930er-Jahren, einer sozialen und politischen Strömung in den USA und Kanada, die als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entstand. Sie forderte, Politik und Wirtschaft von Wissenschaftern, Ingenieuren und Experten statt von gewählten Politikern oder Wirtschaftsbossen steuern zu lassen, die unfähig seien, mit den Herausforderungen der modernen Technologie umzugehen. Diese Elite solle die Welt regieren, wie Yin und Yang im Gleichgewicht von Produktion und Konsum. Für das gemeine Volk gebe es dann eine Art Grundeinkommen, und statt Namen sollten Menschen Nummern haben. In «Technocracy Incorporated» (1902-1974) engagierte sich auch Joshua N. Haldeman, der Grossvater von Elon Musk, weiss Lepore zudem. Wir «Alten» merken, dass hier Modelle entstehen, die sich eigentlich nicht richtig anfühlen: Anstelle des Besuchs von Angehörigen im Pflegeheim, tritt der Anruf per Zoom. Die Freundin des Sohnes ist ein Chatbot. Unser Job wird durch KI ersetzt und wir fühlen uns einsam. Daneben entstehen Datenzentren, die so gross sind wie 900 Fussballfelder. Trotzdem ist die Historikerin Jill Lepore optimistisch und glaubt, dass Menschen sich und die Demokratie nicht völlig aufgeben wollen. Sie werden Rechenschaftspflichten von diesen Unternehmen einfordern und sicherstellen, dass diese Tools etwas nützen und nicht nur Schaden anrichten.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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